Proviantliste für eine Woche Segeltörn

Wie Ihr bereits wisst, packe ich für Autoreisen in Modulen.
Außerdem habe ich eine sehr ausführliche Packliste veröffentlicht
Heute möchte ich auflisten, welche Vorräte ich für meinen Törn als Einhandseglerin mitgenommen habe. Das Transportmittel war eine Kühlbox aus Hartplastik ohne Kühlelemente. Ich konnte die Box zwischen den Salontischbeinen vis-a-vis der Pantry verkeilen. Die Box isolierte die Sachen gegen Sonnenstrahlung und schwüle Luft. Ich beschreibe nur, was ich als eine Person in einer Woche verbraucht habe. An Land aß ich einmal Fish and Chips, einmal Hering mit Bratkartoffeln, zwei Fischbrötchen, vier Eis und einmal Pierogi (Maultaschen mit Heidelbeeren).
Frühstück
20 Beutel Schwarzer Tee (1 Tasse, 2 für Kanne)
1 Packung haltbare Brioche- Brötchen
1 Nuspli Schokocreme (schnittfester als der Marktführer und für Schlaftrunkene nicht im Glas sondern im Plastikbecher)
5 Bananen
Snacks unter Segeln
1 Packung Zwieback mit Kokosraspeln
1 halbe Packung Eierplätzchen (Harte Kekse)
2 Packungen Vegetarische Gummibärchen
1 Glas Wiener Würstchen (4 davon)
1 Dose Artischockenherzen
1 Thermoskanne (für den Rest Schwarzen Tee vom Frühstück)
4 Äpfel
Getränke und Nudelwasser
12 Stille Wasser je 1,5 Liter (unter Salonbank gelagert. Sie haben nicht in die Kühltasche gepasst.)
1 Flasche Rotwein
(Bereits an Bord befand sich ein 30 Literkanister, der vor meinen Augen mit frischen Wasser aufgefüllt wurde.)
Warmes Abendessen
a) 1 kleine Dose Chili Sin Carne mit Tofu
mit 1 Reis (Packungsreste von daheim)
b) 1 Packung Nudeln (Reste von daheim)
mit 1 Glas Paprika- Ricotta- Pesto
1 frische Paprika dazu
c) 1 kleine Dose Kichererbsen- Gemüsetopf
mit 1 Glas Wiener Würstchen aus Geflügel (2 davon) aufgepimpt
d) 1 große Dose Tomatensuppe mit Nudeln und
1 halbe, frische Zucchini dazu
zu a+b) 1 Dose Meersalz in Mühle (läuft nicht aus wie feines Salz)
Tipp: Die Dosengerichte strecke ich mit etwas Wasser, weil die dünnwandigen Alutöpfe auf dem Spiritus- Kocher sehr heiß werden und die Sachen sonst am Topfboden festbrennen.
Zusätzlich nahm ich einen Korb „Küchen-/ Bad- Grundausstattung“ mit (für ganze kleine Schiffe ohne Spüle kann Frau die Sachen in einer kleinen Spülwanne mitbringen):
1 Rolle Küchenpapier
2 Mülltüten
1 Geschirrspülmittel
1 Schwamm
1 Geschirrabtrockentuch
1 Lappen
1 Rolle Klopapier
2 weitere Mülltüten
1 Handseife
1 Händehandtuch
Die Sachen habe ich zu Hause eingekauft und zugeteilt. Wenn man vor Ort im Supermarkt einkauft, hat man als Einhandsegler viel zu viel dabei (8 Klopapierrollen, 20 Mülltüten, 3 Schwämme, ein Kilo Nudeln oder ein Kilo Reis). Das kann man erst an Bord und dann von Bord mit nach Hause schleppen. Ich hatte noch zwei Wasserflaschen übrig, eine Packung Dosenbrot und eine Dose Chili con Carne. Den Großteil von Spülmittel und Handseife ebenso.
Daheim esse ich sehr selten Dosengerichte, doch für einen Segeltörn finde ich sie unglaublich praktisch. Nach der meist stundenlangen Fahrt unter Segeln fühle ich mich müde und will nicht stundenlang Gemüse schnippeln.
Wichtig ist, dass Ihr Sachen mitnehmt, die Euch persönlich schmecken und die keine Ekelgefühle hervorrufen (wichtig gegen Seekrankheit). An der frischen Luft bekommt man Heißhunger auf Speisen, die man daheim nicht mag. In meinem Fall: Wiener Würstchen und Artischocken.
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Hafenrundfahrt, Castrum Torgelow und Ukranenland

An meinem letzten Reisetag lasse ich den Urlaub gemütlich ausklingen. Beim Edeka „Berndt“ sind die Waren liebevoll hindrapiert. Auch eine Bäckerei, ein Blumenladen und eine Postpaketstation sind integriert. Für Segler, die sich dort mit Proviant eindecken wollen: Der Laden befindet sich in der Belliner Str. 9 in Ueckermünde. Für Thorger finde ich Chuppa Chup Lollies als Mitbringsel und für Mama einen Ueckermünder Sekt, Sandornaufstrich und Schlehengelee als Geburtstagsgeschenk.
Nächster Halt: Castrum Torgelow. Ich darf mich einer Führung für Kindergartenkinder anschließen, die der Museumsguide lustig anführt. Mit Figuren aus einem Wachsfigurenkabinett wurden Mittelalter- Szenen nachgebaut und von Band wird der Text dazu erzählt. Für die Kinder und Junggebliebenen hat das Museum in den Szenen moderne Gegenstände eingebaut und die Kinder erraten vieles, was es im Mittelalter nicht so gab: Stethoskop, Feldstecher, Brille Fielmann usw. Kurzweilig gemacht.
Im Museumsdorf stört mich, dass Plastikplanen mit modernen Haken die Vordächer bilden. Das passt einfach nicht. Auch moderne Chucks hat jemand stehen lassen. Es werden moderne Zangen mit gummierten Griffen verwendet. Wie Disneyland für Mittelalter.  Die Kinder haben ihren Spaß und drehen maschinell ein Seil, punzen ein Lederarmband und flechten aus Wollfäden ein Lesezeichen. Trotzdem ist das Castrum Torgelow meiner Meinung nach nicht die 6 Euro Eintritt wert.
Ganz anders dagegen das Ukranenland. Das ist sein Geld wert. Anhand des Flyers und mithilfe dieser braunen Tourischilder finde ich den Parkplatz. Dort steht ein einsamer roter Kiosk und ein Wohnhaus. Durch den Wald schlängelt sich ein langer Pfad zum Museumsdorf. Wollte schon umdrehen, aber zwei Hamburger Touristen schließen sich Wanderung an.
Im Museum erzählt mir eine Museumsmitarbeiterin, ich vermute Historikerin, dass die Ukranen sehr kriegerisch waren. Darum ist das Dorf stark mit Holzpalisaden gesichert.
Helme trugen die Krieger damals. Mit spitzen Hauben und Kettengesichtsschutz. Dazu Brustpanzer aus Lederplatten. Das Erz hier war minderwertig und die beliebten
slawischen Töpferwaren und Schafe wurden exportiert und gegen Erz eingetauscht. Die Slawen waren Bauern, Viehzüchter, Töpfer und Händler. Von den drei Museumsschiffen liegt eines am Steg, das zweite ist in der Werft, das dritte im Castrum Torgelow,
wo ich es wohl übersehen habe. Mit den Ruderbooten mit Segelunterstützung befuhren die Slawen die Flüsse und Küstengewässer. Es waren also keine Kriegsschiffe wie
die der zeitgleichen Wikingerstämme. Ein Tempel nach Ausgrabungsfunden wurde nachgebaut. Lange Stelen mit Gesichtern. Heidnische Göttern, denen Tiere (Tierschädel
im Museum) oder wertvolle Brote vom Priester geopfert wurden. Nur der Priester durfte das Heiligtum betreten.
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Ab acht Besuchern hätten wir eine Bootstour mit dem nachgebauten Slawenboot auf der Uecker machen können und wären gerudert. Doch wie gesagt, sind das Hamburger Paar und ich die einzigen drei Museumsbesucher. Schade.
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Die Worte der Historikerin inspirieren mich zu meiner privaten Bootstour mit der Elise auf der Uecker. Wolfgang hatte mir geraten, zu üben, wie man über den Teller
dreht. Vorwärts- Auskuppeln- Rückwärts in Endlosschleife. Dabei Pinne unverändert hart steuerbord eingeschlagen. Elise und ich tuckern die Uecker hinauf- diesmal mit Absicht! Am Stadthafen vorbei erreichen wir die Kogge Ukra. Ein beeindruckendes Schiff. Auf derem großzügigen Wendeteller übe ich das Drehen auf dem Teller. Ich habe zu viel Vorwärtsfahrt, der Seitenwind drückt mich zurück in die Ausgangsposition. Mehr Gas geben, hilft nichts. Letztendlich lerne ich dazu, dass man beim Wenden nur mit Einkuppeln und Standgas am besten das Schiff umdreht.
Zurück im Hafen der Marina Lagunenstadt Ueckermünde lädt sich der Einhandsegler Markus (Name von mir geändert), den ich gestern beim Anlegen geholfen habe, auf ein
Glas Wasser zu mir an Bord ein. „Ich trinke keinen Alkohol. Nur stilles Wasser.“ Ja, ist auch vernünftiger. Ich trinke ein Glas Trollinger. Markus wartet auf seinen Kumpel, mit dem er heute abend nach Swinemünde segeln will. Er hat eine interessante Lebensgeschichte. Arbeitet Jazzpianist, IT- Ingenieur und ehremamtlich christlicher Unternehmensberater für Start-ups in Meck-Pomm. Wir plaudern ein Stündchen über Altwarper und Neuwarper Hafen und unser Leben. In der Region gibt es zu wenige Arbeitsstellen. Jedoch schaffen es viele junge Leute, sich als Handwerker erfolgreich selbstständig zu machen. Diesen Leuten hilft Markus. Ich finde es schön, wenn die Menschen wieder in ihre Heimat zurückkehren können.
Zum Abschluss ein paar Infos für Segler zur Marina Lagunenstadt Ueckermünde:
Die Anfahrt erfolgt durch den sehr schmalen Kanal der nachts nichts befeuert ist. Links und rechts der Kanaleinfahrt befinden sich Stellnetze, die nicht passierbar sind. Über die Ansteuerungstonne UE und die Fahrrinne ist die Einfahrt bei Tag einfach.
Das Hafenbecken ist auf drei Seiten von Apartmenthäusern umgeben und auf der vierten Seite von einer Baumallee, einem hüfthohen Damm und darauf parkenden Autos. Somit bieten die örtlichen Gegebenheiten eine sehr guten Windschutz beim Anlegen und Ablegen. Dafür wird der Segler eine Attraktion für die Feriengäste in den Wohnungen.
Duschen und WCs an jeder Stegmitte vorhanden. Tipp: Die Toiletten und Duschen beim Hafenmeister sind tagsüber ohne Karte offen, wenn das Hafenmeisterpaar in der Nähe arbeitet.
Dusche kostet ein Zwei- Euro- Stück für sechs Minuten Wasser. Der Hafenmeister war im Juni von 16:30 – 19:00 Uhr anzutreffen und betreibt das Sonnendeck „Skippermesse“, auf dem kühle Getränke für durstige Segler serviert werden.
Der wunderschöne Badestrand mit dem edlen Restaurant „Strandhalle“ und dem Geheimtipp- Kiosk „Nordlicht“ können in fünf Gehminuten erreicht werden.
Einziges Manko waren die mangelnden Versorgungsmöglichkeiten. Die Supermärkte im Ueckermünde Stadtgebiet sind 25 Minuten einfache Strecke zu Fuß entfernt. Taxi- Unternehmen sind mit Handynummer auf der Tafel an der Autoschranke aufgelistet.
Insgesamt eine gepflegte und saubere Anlage, die ich empfehlen kann.
Morgen geht es nach Hause. Nächstes Jahr hoffentlich in das Achterwasser des Stettiner Haffs zur Insel Usedom!

Gegenan knüppeln

Entweder zu viel Wind, gar kein Wind oder Wind von vorne. Welcher Segler kennt das nicht? Ich traue der App Windfinder, dass zirka 8 Knoten Wind vorherrschen und lege bei fast Windstille um 8 Uhr ab. In der Landabdeckung geht der Wind noch. Jedoch sehe ich auf dem Haff draußen schon Schaumkronen auf den Wellen. Von wegen 8 Knoten Wind!
Nach der Landabdeckung verlangsamt sich die Fahrt der Elise von selbst von drei Knoten auf zwei Knoten. Der Gegenwind kostet uns 33% der Geschwindigkeit!
Schlieren aus Schaum liegen auf dem Wasser und einige Wellen brechen sich leicht. Die etwas höheren Brecher kommen meist als Dreiergruppe daher und ich falle ab (drehe von der Welle weg), um den Motor zu schonen. Die Schraube dreht kein einziges Mal hohl. Er überhitzt sonst ohne Seewasserkühlung nämlich, daher passe ich gut auf.
Nun heißt es „Gegenan knüppeln“, wie der Segler sagt. Unter Maschine krache ich schräg gegen die Wellen an, dass das Haffwasser links und rechts auf das Deck spritzt. Ich schaue auf die Navionics App. Zehn Minuten ziehen sich dahin wie eine ganze Stunde!
Bei dem bewölkten Himmel habe ich Schwierigkeiten, die Fahrwassertonnen zu erspähen. Selbst mit Fernglas! Was sind das für seltsame, blutrote Tonnen, die unten schmal und oben breit sind? Ähem. Es handelt sich nicht um Tonnen, sondern um
zwei Traditionssegler mit blutroter Gaffeltakelung (oben breit, unten schmal), die Elise auf Parallelkurs entgegen kommen. Der Wind hat wie vorhergesagt um 11 Uhr nachgelassen und ich habe die Muße, die beiden Segler mit dem Handy zu filmen. Selbst setze ich probehalber das Vorsegel. Jedoch sinkt die Geschwindigkeit unter Segeln auf 0,4 Knoten. Unter 1 Knoten (=2 Stundenkilometer) ist selbst mir geduldiger Binnenseglerin zu lahm.
Die Flaute passt jedoch perfekt für mein Anlegemanöver im Heimathafen Ueckermünde. An der Ansteuerungstonne stoppe ich Elise im tiefen Wasser auf und lasse sie treiben.
Derweilen packe ich den Bootshaken aus und messe die beiden Heckleinen in der richtigen Länge ab: Länge bis zur zweiten Relingsstütze von hinten. Eine weitere
Leine lege ich als Vorleine parat. Ich stelle fest, dass Elise vorwärts eingekuppelt immerhin noch 1,7 Knoten fährt. Viel zu schnell zum Anlegen.
Ich lasse einen dicken Zweimaster in den Ueckerkanal an Elise vorbei und auch ein Fischerboot. Der Zweimaster macht mir den Weg frei. Er hupt mehrfach, weil er ein bisschen dick für den Kanal ist und kein Schiff aus der Gegenrichtung passieren kann und darf. Auf dem Foto der Kanal von Land aus gesehen.
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Vor der Hafeneinfahrt warte ich, ob die Gorch Fock wieder rauskommt. Nö. Also abgebogen und Motor ausgekuppelt. Mit einem einzigen Gasschub treibt Elise bis zu
ihrer Box. Ich erwische beide Dalben auf Anhieb, kann eine Heckleine von Hand, die andere mit dem Bootshaken problemlos festmachen. Zur Feier schenke ich mir
ein Glas Trollinger ein, den ich für besondere Anlässe eingepackt hatte. Ein gelungenes Einhand- Anlegemanöver ist für mich Grund genug zum Feiern!
Der restliche sommerlich heiße Nachmittag sollte am Strand verbracht werden. Endlich schwimmen!
Doch der Vercharterer legt an und ruft quer über das Hafenbecken :“ Können wir kurz telefonieren?“ Wozu ein Telefon  wenn der Gesprächspartner gegenüber steht? Ich laufe zu Wolfgangs Schiff hinüber. Bei einem kühlen Limo wird die Rückgabe der Elise klar gemacht. Später inspiziert Wolfgang den Rumpf und ich zeige ihm die Stelle am Bug, die etwas Schwarz aus Altwarp abbekommen hat. „Das ist ja gar nix. Da brauche ich nichts zu tun.“ , sind wir uns über den kleinen Farbstrich einig. Ich hatte die Elise auf sofort von Hand von der Hafenmauer weggeschubst.
Später aale ich mich in den angenehm warmen Fluten im flachen Wasser am Ueckermünder Strand.
Den Törn schließe ich zum Sonnenuntergang auf der Terrasse der schicken Strandhalle ab. Es war eine super Segelreise!

Gefangen im Hafenklo

Die freundliche Camperin mit heimischen Neumarkter Kennzeichen begrüßt mich morgens: „Wie geht es Ihnen?“ „Danke. Gut. Und Ihnen?“ „Uns geht es gut. Aber wir haben uns ja SOLCHE SORGEN um Sie gemacht, als Sie im Gewitter ganz alleine auf dem Boot waren. Und wie verrückt das Boot geschaukelt hat!“ „Ich dachte auch, es versucht, wie ein Rodeopferd mich abzuwerfen. Ich bin aufgestanden und habe den Blitzen zugeschaut.“ Tatsächlich hatte ich letzte Nacht, keine Lust im Schlafanzug durch Hagelschauer und Blitze zu den Toiletten zu laufen.
Für diesen Abend ist das nächste Unwetter vorhergesagt. Unwetterwarnung für Ueckermünde: „Starkregen. Sturmböen bis 12 Beaufort möglich.“
Na, prima. Gegen 20:30 Uhr zieht die geschlossene Gewitterfront herbei. In einem Wahnsinnstempo, das Ungutes verheißt. Die tiefhängenden Wolken zerfasern, als ob Finger nach den Booten greifen wollen. Die Leinen gehen auf Spannung, ächzen und krachen. So überprüfe ich nochmals den Sitz aller Festmacherleinen und hole die Gewitterfrontseite etwas dichter. Danach sperre ich das Boot ab und flüchte in die Toilette. Warm und sicher sitze ich auf dem Duschhocker vor der Waschmaschine und lese. Zum zweiten Mal „Das Muschelhaus am Deich“ von Tanja Janz.

Der Regen lässt schnell nach. Die Gewitterböen höre ich weiterhin durch die geschlossenen Türen und Fenster des Containerbaus heulen. Zweimal wird ein Prüfungsblick nach draußen geworfen und wieder der Hocker bezogen.
Der Sturm hält mich sozusagen im Hafenklo gefangen.
Nach drei Stunden Gefangenschaft werde ich in die Freiheit entlassen. Vollkommen übermüdet schlafe ich wie ein Stein die restliche Nacht durch. Verschlafe die zweite Front, die durchzieht.
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Der frühe Vogel fängt den Mistkäfer

Wandere nach dem sehr frühen Frühstück zu den Binnendünen von Altwarp. Eine kleine Sensation, nur an der Elbe gibt es Binnendünen von diesem Ausmaß. Ich lese an der Infotafel, dass die besondere Tierwelt Große Waldameisen und Mistkäfer sind. Kurz darauf versuche ich, einen blau schillernden Mistkäfer mit der Kameralinse einzufangen. Er krabbelt aber so fix durch das silbrige Dünengras, dass ein scharfes Bild ohne Stativ nicht gelingen will.
Durch weichen Sand erklimme ich die Bilderbuch- Düne am Waldrand. Oben versinkt die Aussichtbank im Sand. Der sandige Wanderweg schlängelt sich durch den Wald, dessen Kiefern auf weiteren unzähligen Sanddünen gedeihen. Die Motorsense aus dem Ort ist eine gute Weile zu hören. Da taucht ein Ehrendenkmal und ein Gräberfeld aus lauter weißen Gräbern mit Sternen auf dem sonst leeren Grabstein auf. Es ist der etwas vernachlässigte sowjetische Soldatenfriedhof.
Weiter geht es auf einem Waldweg aus Kopfsteinpflaster. Der Weihnachtsmann überholt mich in einem Passat laut ratternd, hält einige Meter vor mir am Straßenrand und kriecht auf allen Vieren durch das Unterholz. Überlege, ob ich umdrehen soll, entscheide mich dagegen und grüße den Typen mit weißen Rauschebart freundlich neutral.
Er antwortet: „Haben Sie Pfifferlinge gesehen? Es herrscht genau das richtige Pilzwetter. Ich fahre hierher, um nachzuschauen, ob die Pilze schon da sind. Leider ist nichts zu sehen.“
Ich frage nach dem Weg in das Wacholdertal. Ich bin auf dem richtigen Wanderpfad unterwegs. An der nächsten Kreuzung liegt ein umgefallenes Schild. Ich richte es auf, um zu sehen, wohin die Wegweiser zeigen. Aha, rechts abbiegen und noch 1,5 km bis zum Wacholdertal. Im Wacholdertal hoppelt mir ein Feldhase vor die Fotolinse. Das Tal besteht aus Trockenwiesen und sehr vielen Wacholderbüschen. Sogar die ersten blauen Beeren hängen an den Büschen. Viel Faszinierender als das Tal finde ich den Hinweg durch den Wald. Die Natur macht vor dem Waldrand nicht halt und zwischen die Kiefern wachsen Wacholderbüsche ohne Ende. Weder einen Wald noch ein Tal mit Wacholder habe ich bisher gesehen. Nur Vogelzwitschern, sonst keine Geräusche im Tal.
Im Hafen erwische ich den historischen Kutter „Lütt Matten“, der die Touristen in den polnischen Nachbarort „Nowe Warpno“ schippert. Die Überfahrt dauert zehn Minuten.
Nowe Warpno hat sich herausgeputzt. Vom modernen Aussichtsturm (wie das Ei vom Waldwipfelweg in Freyung- Grafenau in klein) reicht die Aussicht bis zur Einfahrt zur Kaiserfahrt.
Rund um den Ort schlängelt sich eine nagelneue, grau beplankte Strandpromenade. Zwei Männer mähen das Gras am Damm und den Rampen. Ein Trupp von drei Frauen recht das Schnittgut auf Haufen zusammen. Alles barrierefrei. Entlang der Promenade erzählen Schilder die Leistungen berühmter Seefahrer von James Cook bis Joshua Slocum, leider auf Polnisch. Neben dem schlossartigen Rathaus mit Türmchen und schwarzen Fachwerk finde ich eine Poststation,  wo ich endlich meine Postkarten aus Swinemünde aufgeben kann.
Die Zeiten der Butterfahrten sind vorbei. Zwei Tante Emma Läden mit einer Verkäuferin mit weißer Schürze hinter der Theke scheinen die besten Zeiten hinter sich zu haben.
Auf Blumenerdesäcken stapelt sich frischer Blumenkohl und Kinderspielzeug. Ein anderer Touri beschwert sich später auf dem Kutter beim Kapitän, dass es keine
Zigarettenstangen mehr gäbe.
Im einzig geöffneten Cafe des Ortes werden frische Pierogi mit Heidelbeeren für mich zubereitet. Darauf kommt eine Art Vanillejoghurt, der mich aber eher an Creme Fraiche erinnert. Fettig wie die englische Clotted Cream. Es werden pro Person genau 10 Pierogi serviert, die laut der Kellnerin zusammen 200 Gramm wiegen. Optisch erinnern sie mich an Ravioli, sind auch im Wasserbad erhitzt. Sehr lecker und kein Fast Food, sodass ich nur mit einem Sprint die Abfahrt des Kutters um 12:30 Uhr erwische.
Unter Deck der Elise könnte man Eier direkt auf der Tischplatte braten. Ich setze mich auf eine schattige Bank am Fischereihafen und halte Schwätzchen mit vorbeikommenden Touristen und Seglern. Die Seglerin Marina hatte ich im Büro der Hafenmeisterin kennengelernt. Ihr Freund Hendrik will ‚mal schnell den Müll wegbringen und quatscht sich fast eine Stunde bei mir fest. Marina winkt mir vom Boot aus zu. Wir reden über unsere Törns in Dänemark und auf Rügen. Das Seglerpaar verleiht gerne ihr hübsches rotes Folkeboot namens Lille Vind an segelnde Paare oder Dreiercrews (nicht mehr nach Einhandsegler nach schlechten Erfahrungen): Hendriks und Marinas Homepage
Der echte Fischereihafen hat seinen speziellen Charme. Schreddelig- schön, hat mal ein anderer Autor formuliert. Ich bleibe eine weitere Nacht hier.

Abkürzen? Geht nicht!

Plan A: Dzinow- gestrichen wegen Wind von vorne und zu weiter Strecke beim Kreuzen. Außerdem O- Ton Wolfgang: „Da jibt es nichts. Hässlich.“
Plan B: Wolin- gestrichen wegen zu schmaler Fahrrinne, die zur Versandung neigt. Und daneben ist das Haff 0,7 Meter flach.
Plan C: Wapnica- gestrichen während der Fahrt. Kann bei schwachen Wind nicht auf meinem Wunschkurs kreuzen.
So entscheide ich später spontan auf dem Haff nach Altwarp zu fahren, weil dort laut Hafenhandbuch „Segler gern gesehen“ werden. Plan D also.
Lege um 09:09 Uhr in Swinemünde ab. Trinke trotz Schnapszahl lieber einen schwarzen Tee statt Raki. Die Fahrt durch die Swine und den Kanal „Kaiserfahrt“ kann ich heute richtiggehend genießen. Denn ich kenne die Strecke schon. Außer zwei Baggerschiffen und den zwei Fähren in Kasibor habe ich freie Fahrt. Wie eine Autobahn komplett für Dein Auto alleine. Rase mit 8 Stundenkilometern dahin. Das Motorengeräusch ist ohrenbetäubend!
Auf dem Haff weht ein leichter Wind, wie auf Windfinder vorhergesagt. Ich setze erst das Großsegel und dann die Fock. Auf Am Wind Kurs erreiche ich 1,x Knoten und
komme nur bis 20 Grad Abweichung auf meinen Wunschkurs. Abkürzen ist im sehr flachen Stettiner Haff nicht möglich. Ich muss großräumig die Stellnetze und die Flachstelle vor dem „Großer Kricks“ umfahren, wenn ich nach Wapnica möchte.
Auf dem Handy kommt eine „Gale Warning“ von einer Nummer mit Vorwahl 0048 (=Polen) rein: „Gale Warning for 11.06. with hail. Stay inside.“ Danke für die Warnung, wer da auch immer meine Nummer hatte. Navionics? Ein weiterer Grund schnell
einen Hafen auszusuchen. Altwarp lässt sich bequem auf einem Vorwindkurs ansteuern. Packe wieder das Großsegel weg. Es deckt das Vorsegel störend ab. Schmetterling zu segeln traue ich mich wegen dem Wellenschlag durch andere Boote nicht. Der Großbaum könnte mich von Deck fegen.
Eine tiefe Dankbarkeit für das seichte Lüftchen macht sich breit. Meine Kollegin Jana (Name von mir geändert) hatte mir doch vom Urlaub gewünscht: „Beim Segeln
kannst Du Dich richtig gut erholen und die Seele baumeln lassen.“ Das kann ich heute.
Zwei Stunden schlendern Elise und ich bis zur Grenztonne Nr. 9.
An der Grenztonne 9 rolle ich das Vorsegel ein- dank Rollreffanlage easy peasy. Diesmal denke ich sogar daran, wenigstens die Heckleinen parat zu legen bevor ich in das enge Fahrwasser von Altwarp einbiege.
Leute, ich kann doch schon kein Auto einparken! Wie soll ich denn in diesem schmalen Hafenbecken mit der Elise in die Box kommen? Breche ersten Versuch anzulegen ab und fahre rückwärts einen Bogen aus dem Hafenbecken heraus.
Hektisches Kuppeln mit dem Außenborder. Treffe die Box dem zweiten Anlauf genau in der Mitte. Shit, so komme ich nicht an die Dalben dran. Wurscht!
Wie sagte mein Segellehrer Lothar auf den Kanaren: „Wenn Du einhand anlegst, machst Du einfach eine Leine fest. Egal welche. Den Rest machst Du mit dem Motor.“
Gesagt, getan. Vorleine festgemacht und Rückwärtsgang im Leerlauf rein. In Ruhe zwei Fender zum Nachbarboot hin ausgebracht. Dabei Schienbein an der Backskiste
blutig geschlagen. Aua! Hat vorerst keine Priorität. Dann mit einer Hilfsleine an der Sorgleine nach hinten gezogen. Mist. Erste Vorleine zu kurz. Muss nochmals vor hangeln und erste Vorleine verlängern. Wieder vor gehangelt. Vorleine verlängert. Motor aus! Wieder nach hinten gehangelt. Einen Dalben erreicht. Zweite Vorleine angebracht. Viel zu kurz. Versuche, den Dalben wie ein Cowgirl mit Lasso zu fangen. Gebe nach zehn Anläufen auf. Weitwurf war noch nie mein Ding. Zweite Vorleine wieder weggemacht. Hangle mich wieder nach hinten zu den Dalben. Schupse mit dem Bootshaken die zweite Heckleine über den Dalben. Der Schweiß rinnt mir den Hals hinunter. Mache erste Vorleine wieder passend. Bringe zweite Vorleine wieder am Boot an. Tupfe mit Taschentuch das blutige Bein sauber. Ziehe die Heckleinen wieder auf richtige Länge.
Helfe Motoryacht beim Anlegen. Die brauchen dank Bugstrahlrundern meine Hilfe zwar nicht. Sie sagen, dass sie sich sehr gefreut haben, dass ich zur Hilfe kam.
Das erlebe man selten.
In der Fischhalle ist der frisch gefangene Fisch ziemlich ausverkauft. Aber zwei Matjesfilets mit Bratkartoffeln werden mein spätes Mittagessen um 14:15 Uhr. Dazu
eine herrlich kühle Grapefruitschorle!
Später wird mir auf dem Fahrgastschiff „Weiße Muschel“ ein Eiskaffee serviert. Das historisch bedeutende Schiff war zu DDR- Zeiten für Staatsempfänge gebaut.  Davon gab es nur drei Schiffe. Mit großen Konferenztisch und Ledercouch in Bug und Schiebetüren zur Abgrenzung zum Personalbereich. Erich Honecker führte wichtige politische Verhandlungen auf diesem Schiff.
Neben dem Altwarper Hafen liegt ein Vogelschutzgebiet, in dem ich Möwen, Graureiher, Enten und Haubentaucher sichte.
Zum Abschluss des Tages wische ich das Boot mit dem Wischmopp sauber. Ergibt die tollsten braunen Schlieren mit dem Hafenwasser. Meine Fußabdrücke sind dafür weg!

Hafentag in Swinemünde

Die Nacht war kurz. Das erste Mal bin ich aufgestanden, um den an den Bordwand schlagenden Fender (als würde Dir einer mit dem Hammer auf den Kopf hauen) neu auszurichten. Das zweite Mal brachte ich eben jenen Fender an einer anderen Stelle der Bordwand an. Bei der dritten Schlafstörung zog ich das Schwert (wie ein Kiel) in den Kasten hoch, damit es nicht so klappert.
Frühmorgens setzt strömender Regen ein. Ich frühstücke, lege mich wieder in die Koje, lese „Das Muschelhaus am Deich“ und esse Gummibärchen. Meine Vorstellung von Urlaub.
Später geht es in die Spülküche neben dem Hafenmeisterbüro, in der ich das Geschirr von gestern und heute abspüle. Wieder öffnet der Himmel seine Schleusen. Die Stegnachbarn raten mir im Hafen zu bleiben, weil nachmittags ein Sturm durchziehen soll. Hatte ich beim Windfinder genauso gelesen.
Der Hafenmeister schenkt mir einen Stadtplan. Auf dem sogenannten „Feininger- Radweg“ laufe ich erst an der Engelsburg vorbei (ein Cafe und Kulturhaus) und später am Fort Zachnodi (Westbatterie), das ein Waffenmuseum enthält. Letzteres ist nichts für mich.
Frage mich schon, ob ich jemals am Strand ankomme. Dort drängeln sich Chinesen, Deutsche und andere Touristen am pittoresken Leuchtturm „Stawa Mlyny“, der wie eine Windmühle aussieht und zum Wahrzeichen von Swinemünde wurde. Lese auf dem Stadtplan, dass – wieder ein Superlativ- die Mole mit dem Leuchtturm mit 1.400 Metern die längste Steilmole Europas wäre. Auf den betonierten Granitbrocken läuft man ganz gut.
Ich laufe den breiten Sandstrand entlang, dessen Dünenlandschaft richtigerweise als Naturschutzgebiet eingezäunt wurde. Bernstein erspähe ich keinen. Unzählige winzige, rosa Muscheln liegen am Wassersaum.
Die Strandpromenade finde ich eher abschreckend. Souvenirläden und überteuerte Restaurants ziehen den Touris das Geld aus der Tasche. Ich kaufe an einem LKW ein Fischbrötchen mit Rosa Hering und Zwiebeln. Nur 7 Zloty (unter 2 Euro). Als Nachtisch nehme ich Gofry (eine frische Waffel) auf die Hand (5 Zloty) und schmiere mir die Schokosauce auf die Stirn, was mir erst bei den Hafenduschen auffällt.
Der Rückweg zum Nordhafen führt durch den Kurpark „Park Zdrojowy“, eine weitere Sehenswürdigkeit von Swinemünde. Auf einer Mülltonne dudelt eine Plastikblume mit abgebrannten Kerzen non- stop „Happy Birthday“. Ansonsten eine weitgehend gepflegte Parkanlage. Der Stadtplan weiß mal wieder alles: Der Park wurde von dem Gartenarchitekten Peter Joseph Lenne im 19. Jahrhundert entworfen, der auch die königlichen Gärten von Potsdam und Berlin entwarf.

Walgesänge und Apachen- Pub

Brülle den Außenbord- Motor innerlich an: „Spring endlich an, Du Sau!“ Er scheint mich zu verstehen und springt beim zweiten Versuch an. Mit der Kupplung habe ich so meine
Schwierigkeiten und fahre rückwärts los statt im Leerlauf hochzudrehen. Wieder Vorwärtsgang zur Korrektur und „Wromm“ jault der Motor auf. Der Vermieter Wolfgang winkt mir von seiner Jacht aus zu und schreit mir über das Motorengelaue laut zu, ich solle mich melden, wenn ich Swinemünde erreicht habe. Mache ich per SMS.
An der Hafenausfahrt steht ein Angler und ich habe solche Angst, die Angelschnur einzufahren, dass ich vor lauter Verwirrung in die falsche Richtung in die Uecker abbiege. Freue mich, dass der Motor rund läuft, dass mir mein Fauxpas nach einer halben Seemeile Kanalfahrt auffällt. Komisch, Ueckermünde Stadt kommt immer näher und ich will doch zum Meer.
Wie von Wolfgang gestern anhand der Seekarte eingeimpft, muss ich das Fahrwasser zwischen dem Repziner Haken (mit 1 Meter Wassertiefen und fiesen Steinen) und Woitzer Haken treffen. Der zu steuernde Kurs liegt genau „Vor dem Wind“. Die Elise schaukelt auf den Wellen wild nach links und rechts. Das Schwert „singt“ bei jeder Woge im Sekundentakt im Schwertkasten. Beschließe das störende Geräusch einfach als „Walgesänge“ zu deklarieren und höre ab sofort den Walen zu.
Ab der Tonne „Haff“ folge ich dem Fahrwasser eines anderen Segelbootes. Gegen Mittag schläft der Wind wie vorhergesagt ein. Elises Logge zeigt noch 1 Knoten Fahrt.
Plötzlich macht der andere Segler einen starken Schlenker nach backbord. Hups, lauter Stellnetze nahe am Fahrwasser. Ich werfe zusätzlich den Motor an, obwohl mich der
Wind von den Fischernetzen wegtreibt- auf den Woitzer Haken zu.
Nach vier Stunden Segeln erreiche ich die Einfahrt zur Swine, deren Kanal hier „Kaiserfahrt“ heißt. Vor dem ersten Tonnentor muss ich ein weiteres Fischernetz umfahren, was nervt, da ich dem Flachwasser näher als geplant komme. Die Einfahrt treffe ich dennoch.
Kennt Ihr den „Apachen- Pub“ aus dem Film „Der Schuh des Manitu“? Dieser Pub besteht nur aus einer Fassade. So kommt mir die Fahrt durch die Kaiserfahrt vor. Am Ufer steht
eine Reihe Bäume und dahinter Sommerhimmel mit Schäfchenwolken. Wie eine Kulisse. Auf Höhe der Insel Mellin sehe ich zwei Fischadler, von denen einer sogar neben der Elise auf das Wasser zufliegt. Fahre vor lauter Glotzen auf den Kanaldamm zu und korrigiere den Kurs schnell. Weiter flußabwärts brüten Schwärme von Kormoranen in fünf Bäumen.
An zwei Stellen überqueren Fähren im Fünf- Minuten- Takt die Swine. Um die Wartezeit kurz zu halten, starten gleichzeitig zwei Kolosse von jedem Ufer und begegnen
sich in der Flußmitte. Ich drossele die Geschwindigkeit auf zwei Knoten, bis die Fähren das Ufer erreichen. Dann schnell durchgeschlüpft.
Bisher funktionierte die Navionics- App einwandfrei. Doch in der Sonne schaltet sich das Handy wegen Überhitzungsgefahr einfach ab. Lege es in den Schatten auf die Salonbank
und warte zehn Minuten. Danach bekommt das Handy einen neuen Platz unter der Seekarten- Mappe im Schatten.
Die letzten Minuten bis zum Nordhafen Swinemünde vergehen rasant und ich versuche vergeblich, die Elise aufzustoppen. Im Hafenbecken steht nämlich Wind, aber ich will die Festmacherleinen parat legen. Drehe einen Kreis und rufe der deutschen Jacht „Marie“ zu, ob sie mir beim Anlegen helfen können. Gleich zwei Männer springen auf den Steg und kümmern sich um die Leinen. Das Anlegen klappt wunderbar: An einem Fingersteg/ Seitensteg ganz wie „daheim“ am Steinberger See angelegt. Hinter der Elise ist die sogenannte Engelsburg zu sehen, ein Bauwerk aus Preußischer Zeit von 1854, das der Engelsburg in Rom nachempfunden wurde (Foto 1). Vom Cockpit aus schaue ich auf den wunderschönen Leuchtturm „Latarnia Morska“ der Insel Wolin. Mit 65 Meter Höhe der höchste Leuchtturm der Ostsee (Foto 2).

Der Hafenmeister begrüßt mich freundlich auf Deutsch und für 46 Zloty (zirka 11 Euro) darf ich eine Nacht bleiben, einmal Duschen und bekomme 3kW Strom. Bis ich drankomme schaue ich den Neonfischen und Guppys im Hafenmeisterbüroaquarium zu. Zahlung ist per Visa möglich oder in Zloty. Die Zlotys spuckt der Bankautomat aus. Shopping (hätte gerne ein kaltes Cola und Erdbeeren) beim Lidl in Hafennähe (am ersten Kreisverkehr links gehen) fällt wegen Sonntag aus.

 

Zurück an Bord koche ich Chili sin Carne aus der Dose mit Reis. Essbar.

Botanischer Garten in Christiansberg

Komme mir vor wie im Paradies! Dabei weile ich auf Erden und zwar im Botanischen Garten bei Luckow. Rhododendren in rosa und weiß blühen üppig oder verblühen,
umpflanzt von Gruppen meiner Lieblingsstauden, den Funkien. Die Funkien blühen erst im Juli, doch das die Blätter sind ebenso hübsch. Der Chef begrüßt mich persönlich und schaltet ruhige Musik ein. „Extra für Sie!“, sagt er. Für später empfiehlt er mir ein Sandorn- Eis: „Frisch eingetroffen!“
Frühmorgens sind ein Fotograf in Tarnkleidung- damit er die Blumen nicht verscheucht?- und ich die einzigen Besucher. Bald stürmen ein Bus polnische Rentnerinnen,  zu erkennen an den roten oder neonrosa Schuhen und Hosen
und Blusen mit Blumenmotiven, und eine Busladung deutsche Rentnerinnen, zu erkennen an den beigen Hosen und Gesundheitsschuhen, den Botanischen Garten. Die Polinnen versuchen mit mir ins Gespräch zu kommen, leider verstehe ich kein Wort. Die Deutschen erzählen mir, dass sie einen Tagesausflug von Usedom gebucht haben. Mit anschließender Floßfahrt auf der Uecker.
Highlight des sonnenbeschienenen Gartens ist ein Rondell aus Rasen, das von hunderten Pfingstrosen umstanden wird. Ein Deutscher erklärt mir, dass vier Gärtner angestellt
wurden, die sich um das Areal kümmern. Die könnten mal zu mir zum Brennesseljäten kommen!
Das Sanddorn- Eis entpuppt sich als Softeis. Da bestelle ich lieber den hausgemachten Nudelsalat. Köstlich mit Frühlingszwiebeln, Paprika und undefinierbarer Lyoner-Wurst.
Mitsamt Getränk liegt der Preis bei moderaten 4,50 Euro. Gratis dazu gibt das Geläster der Rentnerinnen über ihre Enkel: „Meine fünfzehnjährige Enkelin weigert sich,
Geschirr zu spülen! Oma, Du bist uncool!“ „Mein siebenjähriger Enkelsohn hat mein Handy verstellt und Spiele heruntergeladen, bis der Speicher voll war. Dann sagt er
frech, dass die Mama das wieder richten wird.“
Gegen Mittag erreiche ich den Hafen und rufe den Vermieter des Segelbootes an. Wolfgang (Name von mir geändert) erscheint wie aus dem Nichts in Sekundenschnelle am Steg. Kein Wunder, er wohnt im Sommer auf einem seiner Boote. Das gecharterte Segelboot ist eine Neptun 26 (Fuß) aus dem Jahre 1975. So sieht sie auch aus. Die Segel und Schoten und Fallen und der Honda- Außenborder sind jedoch wie neu. Den Lästereien auf Google darf man also nicht immer Glauben schenken. Wir rollen die Segel zum Check im Hafen aus. Wolfgang fällt auf, dass eine Naht im Vorsegel aufgetrennt ist, er schlägt das Segel ab und näht es bei sich an Bord.
Die Bedienung vom Schwert scheint idiotensicher: Einfach am Seil ziehen, um es auf zu holen. Vor Schwierigkeiten stellt mich der Start des Hondaaußenborders. Erst Benzin
pumpen, bis die Handpumpe voll ist. Joke ziehen und Gashebel aufdrehen. Dann Seil erst bei zum Anschlag ziehen und nun mit Schmackes aus der Schulter zerren. Wir üben zwei, drei, vier oder fünf Mal, bis ich schaffe, den Motor zu starten.
Das Tief Ivan schickt seine Ausläufer bis zur Ostsee und eine dicke Front mit Wolken, lässt mich im Hafen verweilen. Zuerst geht es auf Shoppingtour „Für Elise“- so heißt
das Segelboot. Ich kaufe ein der Tankstelle 10 Liter Super zum Nachtanken. Außerdem einen Liter Brennspiritus für den Origokocher. Baugleich zum meinem Kocher auf der Shadow.
Zum Sonnenuntergang gehe ich auf das Musik- Festival an den Strand vor. Eine Bratwurstsemmel kommt als Abendessen gerade recht. Und als Nachtisch ein Nogger Choc!
Zurück an Bord sitze ich bis zur Dunkelheit im Cockpit, im Hintergrund dröhnt das Pfingst- Festival vom Strand ‚rüber und tippe meinen Reiseblog.