Ojemine, der Königsee

Fast jeder meiner ausländischen Kollegen in der Firma kennt den Königsee und kommt aus dem Schwärmen nicht heraus. Diese Bildungslücke wollte ich im Sommerurlaub beseitigen und plante einen Tagesausflug mit Mann und Sohn an den Königsee bei Berchtesgaden.

Vorher hatte ich recherchiert, für welche Boote noch Online- Tickets verfügbar wären. Entweder 10:00 Uhr (zu früh wegen der weiten Anreise) oder 11:30 Uhr (zu spät, dachte ich). Den Parkplatz am Ende der B20 mit mindestens 1 km Ausdehnung werden wir schon finden, beschloss ich, als ich die genaue Adresse nicht finden konnte. Ich empfehle dringend, vorher online im Internet Tickets zu kaufen und auszudrucken. Unter diesem Link: Bayrische Seenschifffahrt

Bei der Anfahrt zum Königsee aus Deutschland gilt es zu beachten, dass der kürzeste Weg, den das Navi wählt, durch Österreich führt. Dafür braucht man eine Vignette für die Straßenmaut, die es aber in den Raststätten vor der Grenze für zirka 10 EUR zu kaufen gäbe. Für eventuelle Grenzkontrollen hatte ich den Reisepass meines Sohns eingepackt. Der weitere Stolperstein der Anreise war, dass das Navi uns nicht die Autobahnen A93, A9 und A8, sondern die komplette Bundesstrasse B20 abfahren lassen wollte. Entnervt schaltete ich es aus und verließ mich ganz old school auf meinen gesunden Menschenverstand und den Autoatlas von 2013. Von der Ausfahrt 115 auf der A8 „Bad Reichenhall“ fährt man auf die B20 und folgt ihr über Bischofswiesen- Berchtesgaden bis zum Königsee.

Endlich kamen wir in Schönau auf dem riesigen Parkplatz an. Die gute Beschilderung zum Bootsanleger brauchten wir heute nicht. Einfach den Menschenmassen folgen: Indische Großfamilien in farbenfrohen Saris, chinesische Reisegruppen, Rumänen, Bulgaren und ganz Europa war angereist. Für Fußfaule standen fesche Dirndl- Madln mit E- Bike- Rikschas bereit, die Besucher gegen 4 Euro die 300 Meter Seestrasse zum See bringen. Eine schier endlose Schlange verstopfte die Gasse mit unzähligen Nippes- Läden, Eisbuden und Waffelständen. Vom See war nichts zu sehen. Ich lief alleine zum Anleger vor, während Mann und Sohn in der Warteschlange standen, um zu klären, ob wir überhaupt an der richtigen Attraktion anstehen. Leider ja. Eine freundliche Studentin gab am Infostand an den drei Bootsstegen Auskunft und teilte nebenher die Gäste resolut den drei Kassenhäuschen zu. Derweilen war mein Sohn in Nähe des Standes „Heiße Waffeln“ aufgerückt und wollte eine haben. Und zwar mit Kirschsauce und Sahne. Doch wie im Stehen essen ohne sich von oben bis unten einzuschmieren? Wir zwei setzten uns kurzerhand auf die schattige Treppe zu einem Schmuckgeschäft und teilten uns die leckere Süßigkeit.

Nach einer guten Stunde Wartezeit ergattere ich um 11 Uhr die letzten Tickets für die Fahrt Nummer 27 um 12:10 Uhr am Steg 3. Praktischerweise befindet sich eine riesige Eisdiele direkt vor den Bootsstegen und wir ließen uns erschöpft in die Stühle plumpsen. Fertig, bevor der Ausflug überhaupt beginnt. Drei große Schaftschorlen schlugen mit 14 Euro zu Buche, da wird die Toplage ausgenutzt!

Kaum auf dem Boot „Falkenstein“ fiel aller Stress von mir ab. Die 19 Fahrgastboote gleiten bereits seit 1909- also seit über 100 Jahren!- mit Elektromotoren langsam und beinahe geräuschlos über den See. Wir hatten das unglaubliche Glück, ein Original von 1922 zu erwischen. Doch auch die jüngsten Schiffe besitzen den nostalgischen Originallook und Charme vergangener Zeiten. Die Fenster und Teile des Bootsdachs lassen sich aufschieben und für Frischluft ist gesorgt. Eine angenehmes Bordklima. Nur von den Ruderbooten des Freistaates Bayerns darf der Königsee außerdem befahren werden. Segeln und Surfen verboten. Motorboote und Jetskis sowieso.

Die Wasserfarbe ein unglaublich grünes Petrol und das Wasser so klar wie ich es zuletzt in Sizilien auf Favignana gesehen habe. Die Abwässer der Gasthäuser werden über eine Rohrleitung unter Wasser vom See weggepumpt und in einer Kläranlage aufbereitet und entsorgt. Hunderte von Elritzen wimmeln um die Stege herum und ein paar Barsche. Wir konnten beobachten, wie eine Stockente in 20 Meter Entfernung tief abtaucht und den Grund des Sees abgrast. Einmalig schön! Bei fast 200 Meter Tiefe bleibt das Wasser ganzjährig 4 Grad kalt. Wie formulierte der Guide an Bord: „Sie gehen als König in den See und kommen als Königin heraus.“

Die Wände fallen steil ab und Bäume klammern sich auf die kargen Kalksteine. Der Gipfel des zweithöchsten Berg Deutschlands, des Watzmanns, scheint bei Sonnenschein greifbar nah. Sogar ein romantischer Wasserfall stürzt am Beginn der Fahrt beeindruckende 200 Meter in die Tiefe. Ich wundere mich, dass er trotz Hitze und Dürre ausreichend Wasser führt. Auf der Hinfahrt wird auf deutsch und englisch jedes Highlight unterhaltsam erklärt, auf der Rückfahrt kann man die Natur in Ruhe genießen. Die Landschaft um den Königssee erinnert an die berühmten Fjorde Norwegens. Eine Zufahrtstrasse oder einen Rundweg sucht man vergeblich und so bleiben die Ufer erfreulich menschenleer.

Wir steigen an der putzigen Kirche St. Bartholomä aus. Wanderer können weiter bis zur zweiten Haltestelle „Salet“ reisen. Die kleinen, roten Zwiebeltürme der Kapelle sind mit roten Holzschindeln bedeckt und ebenso die weißen Türme. Ich schaue kurz rein. Thorger interessiert sich mehr für die Traktoren, die hinter dem Biergarten das Heu auf der Wiese wenden. Später holt ein Motorboot (!) einen Traktor ab und schiebt ihn als Schubverband zurück nach Schönau. Im Biergarten genießen wir das traditionelle Bayrische Essen. Für den ausgezeichneten Schweinebraten in Dunkelbiersauce mit Semmelknödel mache selbst ich eine Ausnahme von meiner vegetarischen Ernährungsweise. Ein Biergarten wie aus dem Bilderbuch: Große Kastanien werfen Schatten und daneben das historische Jagdschloss mit hübscher Architektur. Wunderbar!

Fazit: Ein Ausflug zum Königsee lohnt sich und die Lage zwischen den steilen Berghängen ist wirklich einmalig!

 

 

 

 

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