Samira, Samira. This is Lyngby radio. Can you read me ? Over.

Selbst den aufmerksamsten Bloglesern ist es nicht aufgefallen, dass das Kapitel über meine Reise von Lohals nach Lundeborg fehlt.

Dieses Erlebnis wollte ich erst nach sicherer Heimreise veröffentlichen.

Meine Retter in chronologischer Reihenfolge:

-Funker der Küstenfunkstation „Lyngby Radio“

-Per, ein Segler aus Korsör

-Dorthe, Hafenmeisterin von Lundeborg, und ein namenloser Fischer

-Bo, Berufsschullehrer für Feinschmiedekunst

Lohals ist eine der saubersten Marinas meiner Reise. So ist nach dem Aufstehen ein Runde Wäsche waschen angesagt. Bis 11 Uhr rödeln Waschmaschine und Trockner vor sich hin. Ich sehe den anderen Seglern beim Auslaufen in die aufgewühlte See zu und frage mich, ob ich überhaupt bei diesem Seegang ablegen soll.

Mittags passiere ich das Riff unter Maschine und setze die gerefften Segel. Die Vorleinen lasse ich wie immer zu Buchten geschlungen auf dem Deck liegen.

Krass, die Böen sind heute eine andere Hausnummer als gestern. Hart am Wind kämpfen Samira und ich uns Richtung Süden vor. Samiras Bug taucht mehrmals in die Wellen ein. Nach drei Stunden Segelei habe ich genug und will den Motor starten. Im Leerlauf springt er an. Sobald ich Vorwärts- oder Rückwärtsgang einlege stirbt er ab.

An diesem Bermuda-Dreieck Dänemarks war ich vor ein paar Tagen mit der Großfall- Wuling in einer ähnlichen Situation. So bleibe ich erstaunlich ruhig. Das Adrenalin rauscht durch meine Adern. Ich drehe die Samira auf Raumen Wind, kehre also nach Norden um. Lösung Nummer 3 wird umgesetzt: Unter Segeln am Steg der Traditionssegler anlegen. Okay. Kurs zum Hafen Lundeborg liegt an und das Schiff läuft ruhiger.

Jetzt erkenne ich mein Malheur: Die Vorleinen wurden von Deck gespült. Und eine der beiden Vorleinen hat sich um den Propeller der Samira gelegt. Ich habe meine eigene Leine in den Propeller fest gefahren. Na super ! Ab morgen werde ich die Vorleinen im Ankerkasten aufbewahren. Tipp der Hafenmeisterin Dorthe. Aus Fehlern wird man klug.

Ich schalte das Handfunkgerät der Samira an und rufe auf Kanal 16 Unterstützung. Im Fachjargon ruft man „Pan-pan“. Die Küstenfunkstelle Lyngby Radio meldet sich sofort. Leider hat das Gerät einen alten Akku, der fast leer ist. Und mein eigenes Gerät bringe ich nur zum Senden, nicht zum Empfangen. Die Lautstärkeregelung bediene ich in dieser Krisensituation falsch. So kann ich zwei Silben sagen und muss danach das Gerät neu starten und anschalten. Mühevoll buchstabiere ich Samiras Namen und gebe „engine problem“, „towing assistance“ und meinen Längen- und Breitengrad durch.

Jetzt höre ich „Sailing Yacht Isabella“ auf dänisch mit der Küstenfunkstelle reden. Da unzählige weiße Segelyachten unterwegs sind, dauert es eine Weile bis die Samira anhand der Ziffern auf dem Großsegel von der Isabella erspäht wird.

Ihr Skipper Per übernimmt eine Vorleine. Zuwerfen klappt gleich beim zweiten Versuch, als die Leine nass ist. Verlängerung funktioniert mit zwei Palsteks. Der freundliche Däne aus Korsör sagt, er finde es spannend, einmal bei einem Seenotfall mitzuwirken. Ich könnte darauf verzichten!

Zwei Seemeilen werde ich geschleppt. Per ruft über Funk den Hafen Lundeborg. Darauf wäre ich nicht gekommen.

Die Hafenmeisterin Dorthe kommt uns mit einem Fischerboot entgegen. Sie übernimmt meine Vorleine und der Fischer zieht mich im Schneckentempo vor das Gebäude der Hafenmeisterei. Meine Ankunft wird von anderen Seglern mit ihren Smartphones geknipst. Die Segler hatten mein Missgeschick auf Kanal 16 mitgehört. Die Fotos bekomme ich später per E- Mail als Erinnerung.

Neben einer langen Jacht wird die Samira von mir und dem Familienvater längsseits vertäut. Diese Familie sitzt aus einem ganz anderen Grund fest: Die eine Tochter hat sich beim Radeln auf dem Hafengelände das Schlüsselbein gebrochen.

Die Hafenmeisterin rät mir, eine heiße Dusche zu nehmen und eine Suppe zu essen. Gegen den Schock. Die Dose Suppe Marke „Zähes Suppenhuhn“ schmeckt unter diesen Umständen himmlisch.

„Geht auf’s Haus“, ist die Antwort auf meine Frage, wieviel ich dem Fischer schulde.

Für den nächsten Morgen acht Uhr hat Dorthe den Hobbytaucher Bo bestellt. Er sieht so aus, wie man sich einen Schmied vorstellt: Grauer Vollbart und eine kräftige Statur. Mit Schnorchel, Tauchermesser und Neoprenanzug bewaffnet, taucht er ab zum Propeller. Die Vorleine habe ich allerdings so stramm eingefahren, dass die Reparatur länger dauert. Seine Flasche Druckluft kommt zum Einsatz. Bo bleibt rund 45 Minuten unter Wasser. Mit einer kleinen Eisensäge schneidet er die Leine in Scheibchen ab. Ich assistiere von Deck aus, unter anderem soll die Vorleine über die Winsch gekurbelt werden, um sie zu lockern. Funktioniert nicht. Die Idee war super. Bo ist der Meinung, dass genug Leine beseitigt sei. Die Welle sei unbeschädigt. Der Motor läuft wieder in Vorwärts- und Rückwärtsgang ohne Murren.

Im Nachhinein stellte ich heraus, dass noch zirka 15 cm Vorleine unter der Schraube feststeckten. Der Taucher vom Charterstützpunkt baute die Schraube ab, löste die Leinenrest mit einer Zange ab und fertig war die Reparatur.

Diesen Fehler mache ich kein zweites Mal. Eine Alternativlösung schlug mir der Flensburger Stegnachbar vor. Er hatte sich auch die Vorleine in den Propeller eingfahren. Seitdem fährt er auf seinem 9- Meter- Schiff zwei 6- Meter lange Vorleinen. So reichen sie gar nicht bis zum Propeller, falls sie in das Meer fallen.

Lehrgeld zahlte ich. In Form der Kosten für die beiden Taucher. Und in Marstal ersetzte ich die zerissene Vorleine durch eine neue aus dem Laden „Isenkram“.

Out.

Die Sandtigerhaie vor Fehmarn !

Letzte Woche haben wir einen schönen Ausflug auf die Insel Fehmarn gemacht.

Gleich morgens besuchten wir den Schmetterlingspark in der Ortschaft Burg. Tropische Temperaturen empfangen den Besucher. Die private Anlage ist liebevoll gepflegt. Am Eingang plätschert ein kleiner Wasserfall und Wasserschildkröten und Kois teilen sich einen Teich. Exotische Orchideen sorgen für Farbkleckse. Kleine Wachteln laufen im Unterholz und vernichten das Unkraut.

Die schillernden Bananenfalter flattern munter durch die Halle. Die Innenseite schillert im schönsten blau. Die Falter fressen Melonen, Nektar und Orangen an einer Futterstation. Dort kann man die Tiere aus nächster Nähe bewundern. Die Blätter der Bananenstauden werden von den Raupen stark zerfressen und sehen richtig zerfleddert aus. Thorger hatte Respekt vor diesen großen Schmetterlingen und zuckte vor ihnen zurück, wenn sie vorbei flatterten.

Der Leguan grillte sich erst unter der Wärmelampe. Dann marschierte er über die Holzbrücken und durch das Unterholz durch die Halle. Sehr zur Begeisterung der Besucher.

Im Cafe stärkten wir uns bei einer Tasse Kaffee. Thorger suchte sich im Shop ein kleines Poster mit einem T-Rex- Saurier aus.

Zwei Straßen weiter lag unser nächstes Ziel: Das Meereszentrum Fehmarn. Das ist einen Besuch wert. Die ersten Aquarien sind mit den üblichen Verdächtigen bestückt: Clownfische, Seepferdchen, Muränen, Doktorfische und Falterfische.

Dann kommt das Hai- Light (Wortspiel): Die majestätischen Sandtigerhaie. Über drei Meter sind die faszinierenden Könige der Meere lang. Mit bösartiger Miene ziehen sie scheinbar mühelos ihre Bahnen. Auch Zitronenhaie, die wirklich so heißen, gab es im Becken. Diese lagen jedoch schlafend auf dem Sandboden. Das Schöne ist, dass das Aquarium mir als Laien ausreichend groß vorkommt. Über 500 qm Grundfläche. Am Rand ist ein Segelboot versenkt. „Schiff ‚puttmachen. Bombe.“ Lautet Thorgers fachmännischer Kommentar als er das Loch im Rumpf sieht.

Ein gigantischer Walhai aus Pappmache ist aufgestellt. So einen möchte ich mal in natura sehen. Ob ich jemals auf die Philippinen zum Walhai- Watching kommen werde? In seinem Bauch ist ein Kino untergebracht. Dort schauten wir einen Film über Haie und hörten, dass in den letzten 10 Jahren 75% vom Bestand ausgerottet wurde. Thorger sagte begeistert „Hai“ jedes Mal, wenn einer im Film vorkam. Und das war ziemlich oft.

Nun fuhren wir mit dem Auto eine kuriose Allee zum angeblich malerischen Hafen Orth. Die Bäume sind alle total windschief und wachsen in einem Winkel von vielleicht 60 Grad zur Straße. Man meint, besoffen zu sein.

Im strömenden Regen konnte ich nicht erkennen, was an Orth so malerisch sein soll. Eher hässliche, moderne Backstein- Wohnhäuser verschandeln den Hafen. Wir feierten unseren Hochzeitstag mit einem Essen im Piratennest. Das war überraschend pfiffig- kein Touristennepp. Zu meinem gebeizten Lachs gab es eine hausgemachte Soße aus Meerrettich und Tomate. Und Jens bestellte eine komplette panierte Scholle. Ganz zart. Thorger bekam sein Nudelsoße „Piratenblut“ in einer kleinen Sauciere serviert. Er löffelte sie mit dem Kaffeelöffel aus- so lecker.

Der Spaziergang zum Leuchtturm fiel wegen Regen aus und wir reisten wieder zurück in’s Ferienhaus.

Kochen an Bord

Der Tag beginnt mit einem großen Frühstück. Tagsüber, während der Fahrt mit der Samira, gab es nur Wasser und Knäckebrot.

In Dänemark habe ich einige Rezepte aus dem Buch „Kochen nach Beaufort“ gekocht. Das Kochbuch empfehle ich jedem Segler, der pfiffige Ideen sucht.

Den Curryreis fand ich super, weil ich die zweite Portion am nächsten Tag mit Wasser aufwärmen konnte.

Der Lachssalat ist spitzenmäßig.

Liebling wurden die Penne mit Auberginensugo. Das gab es viermal an Bord. Alle Zutaten überleben bei Zimmertemperatur.

Pfannkuchen gingen einfach: Milch in die Flasche mit Pfannkuchen- Fertigteig schütten, Flasche schütteln, braten und fertig. (Für die gute Hausfrau ein Graus, für mich perfekt.)

1_Fruehstueck

Frühstück in Troense

Curryreis

Curryreis

Lachs in Marstal

Lachs in Marstal

Lachs von oben

Lachs von oben

Smutje Kerstin Teil 1

Smutje Kerstin Teil 1

Smutje Kerstin in Aktion Teil 2

Smutje Kerstin in Aktion Teil 2

Das Ergebnis: Mein neues Lieblingsessen

Das Ergebnis: Mein neues Lieblingsessen

Frustessen in Sönderborg

Frustessen in Sönderborg

Die Äpfel müssen weg

Die Äpfel müssen weg

Seemannsgarn

Auf der Reise haben andere Segler ihre Geschichten erzählt.

1. Story aus Lohals: Ich war mit meinem Sohn alleine unterwegs. Im Hafenbecken albert er herum und fällt mitsamt der Rettungsweste in’s Hafenbecken und schreit. So denke ich nicht lange nach und springe hinterher. Da fällt mir auf, dass der Steg unerreichbar hoch liegt. Der Segler Ulf eilt herbei und stellt eine Leiter in das Hafenbecken vor den Steg. Noch heute erzählt mein Sohn: „Ulf hat mich gerettet.“ Dass ich zu ihm in das Becken gesprungen bin und ihn zum Steg transportiert habe, zählt nichts.

2. Story aus Lundeborg: Mein Kumpel und ich hatten eine anstrengende Tour zum Limfjord hinter uns. Es kachelte mit sieben Beaufort. Wir wollten den Motor anschalten und hatten nur das Vorsegel stark gerefft gesetzt. Der Motor ging immer wieder aus. Der Tank liegt im Vorschiff, der Motor am Heck. Durch die starke Schräglage der Jacht, blieb der Diesel nicht in der Leitung, sondern floss zurück in den Tank. Segelnd erreichten wir den Heimathafen.

3. Weitere Story: Mit einer 42-Fuß-Segeljacht fuhr ich in das schmale Fahrwasser nach Faaborg. Plötzlich meldete der Teenager am Steuer, dass er das Steuerrad nicht mehr bewegen kann. Keine gute Stelle für Manövrierprobleme. Die Zugkette des Steuerrads ist von dem Zahnrad herunter gesprungen und hat sich verkeilt. Die Mitseglerin beginnt zu heulen. Glück im Unglück hat sich das Ruder so verkeilt, dass unter Segeln der Kurs weiter gehalten werden kann. Mit einem Mitsegler baue ich die verkeilte Zugkette komplett aus. Mit der Notpinne (Anmerkung: Ersatzsteuer, das direkt auf das Ruder aufgesteckt wird) erreichen wir Faaborg.

4. Story aus dem Flensburger Hafen: Gestern bei Sturm sind mein Freund aus Heidelberg und ich ausgelaufen. Nach dem Ablegen fällt die Vorleine in’s Wasser und gerät in den Propeller. Zum Glück schneidet der Propeller die Leine ab. Den Rest habe ich später mit dem Messer abgeschnitten. Der Motor lief tapfer weiter.

5. Noch eine Story: Von Norden her laufe ich mit den Kindern die Ochseninseln an. (Anmerkung: Die sind gespickt von Untiefen.) Die Kinder stehen auf dem Vorschiff und sollen rufen, wenn sie den Grund sehen. Kurz darauf knirscht es und mein Boot ist aufgelaufen. Es steckt im Sand fest. Die Kinder rufen: „Papa, jetzt können wir den Grund sehen.“ Zu spät. Unter Maschine komme ich wieder frei.

6. Zum Abschluss Seemarnsgarn von mir: Ich sitze im Faaborger Hafen, warte auf die Fähre und schaue auf das Meer. Plötzlich braust das Wasser. Keine zehn Meter von mir taucht ein Pottwal auf. Er hat sich in die Ostsee verirrt. Zum Abschied winkt er mir mit seiner Fluke zu.

Der Pottwal und ich

Der Pottwal und ich

Heimreise- via Goslar

Morgens checkte ich in der Charterbasis als letzter Gast aus. Die Mitarbeiter wunderten sich, warum ich so gelassen bin. Die ersten neuen Gäste stehen schon Schlange vor dem Büro. Ganz einfach, meine Autofahrt ging heute nur bis Goslar.

Beim Auschecken gab mir Rudi den Tipp, doch in Soltau zu übernachten und vorher in die Therme zu schwimmen. „Im warmen Wasser treiben lassen und entspannen.“ Klingt verlockend, doch ich höre auf den Rat von „Onkel Rüdiger“. Und erreiche abends nach sechs Stunden stop-and-go das UNESCO-Weltkulturerbe Goslar.

Mein dänisches Prepaid- Handy funktioniert in Deutschland nicht. So rief morgens ein freundlicher Chartermitarbeiter ein Taxi. Außerdem lieh er mir einen 20- Liter-Kanister für Diesel aus. Mit dem Mietauto, einem Flitzer Nissan Micra,  fuhr ich zur Tankstelle und holte 15 Liter. Wenn ihr mal ignoriert werdet: Einfach mit leeren Benzinkanister sparzieren gehen, Taxi fahren und Mietwagen- Stationen besuchen. Garantiert wird Euch jeder anquatschen, warum ihr einen leeren Kanister herumtragt.

Mir zur Ehren 😉 veranstaltete Goslar in der Altstadt einen Kunsthandwerker- Markt. Ich bummelte durch die Stände der Altstadt. Eulen aus Granit, Holzvögel, Porzellanblumen, geblümte Filzwesten, usw. erfreuten mein Auge. Die 1000 Jahre alte Kaiserpfalz hatte schon geschlossen, dafür besuchte ich die Heilig-Geist- Kirche aus dem 16. Jahrhundert. Krumm und schief sind die grau melierten Wände und das Schieferdach total verrückt.

Auf dem Marktplatz mit einem roten Rathaus mit Arkaden-Gängen und bunt bemalten Kaiser- Statuen beendete ich meinen Rundgang mit einem Eisbecher „Spaghetti della Sepia“. Warm zu essen (Roulade mit Blaubeerschmand) reizte mich bei den 24°C nicht.

Goslar

Goslar

Ruhige Reise durch die Nacht

Nachdem wir das Sönderborg Haff hinter uns gelassen haben, beginnt eine ruhige Fahrt unter Motor durch die Flensburger Förde. Wind und Wellen sind eingeschlafen.

Die Sonne versinkt rot hinter Dänemark. Achteraus ist der Vollmond aufgegangen, der mit gelblich- silbrigen Licht das Meer erleuchtet. Könnte kaum kitschiger sein. Jan prophezeit zwar: „Nachts auf See ist es dunkel wie in einem Bärenarsch.“ Stimmt, aber nicht bei Vollmond.

Jetzt ist der Kartenplotter Gold wert. Die meisten grünen Fahrwassertonnen sind nämlich nicht befeuert (beleuchtet) und für mich unsichtbar bzw. im letzten Moment zu erkennen. Am Kartenplotter hat Jan eine Kurslinie programmiert und ich erkenne, ob die Samira an der Tonne vorbeikommt oder nicht. Jan schaut auf Papierseekarte und elektronischen Kartenplotter. Ich steuere. So gelingt die Nachtfahrt.

Nebenbei erzählt er mir die Stories zu den Sehenswürdigkeiten der Förde:

1. Der eine fiese Felsen heißt Schwiegermutter. Diese darf man auch nicht schneiden, sonst sitzt man auf Grund.

2. Die Brogaer Kirche hat zwei Kirchturmspitzen. Der damalige Graf/ König war Seemann. Er beauftragte, dass der Kirchturm spitz wird, falls er einen Sohn bekommt. Und abgerundet, falls er eine Tochter bekommt. Als er zurückkam hatte er männliche Zwillinge. Nette Geschichte.

3. Die Ochseninseln sind zwei Fußabdrücke, die ein Riese hinterlassen hat. Na klar !

Zum Abschluss regnet es eine Sternschnuppe am Nachthimmel. Ein erlebnisreicher Törn geht um Mitternacht zu Ende.

Auf Wiedersehen, Dänemark, Land der freundlichen Menschen und blühenden Rosengärten ! Du wirst mir fehlen !

Auf Wiedersehen, Dänemark, Land der freundlichen Menschen und blühenden Rosengärten ! Ich komme wieder !

Bin jetzt Salzbuckel

Jan, der Skipper von der Charterbasis, trifft morgens in Marstal ein. Sofort findet er einen genialen Stauplatz für den Cockpit- Tisch: Neben dem Kühlschrank einklemmen. Da bin ich in vier Wochen nicht darauf gekommen. Hauptberuflich ist er Surflehrer, ein Sunnyboy und Entertainer.

Wir machen einen Rundgang durch das Schiff und ich weise kurz in Motorfunktion (Aus- Knopf neben dem Kühlschrank) und die Falls ein.

Jan segelt seit Kindesbeinen an und hatte selbst viele Jahre ein ähnliches Schiff. Das erhöht zusätzlich mein Vertrauen.  Mit dem Reff 2 im Großsegel ist er einverstanden.

Beim Ablegen bedient Jan die Heckleinen, die inzwischen über und über mit Seegras behangen sind. Der Hamburger Stegnachbar führt die Vorleine über seine Bandholm- Yacht mit. Ich muss nur den Motor bedienen. Ja, so mit drei Mann Besatzung ist das eine runde Sache. Trotz der 5 Beaufort.

Im tiefen Wasser setzt Jan die Segel. Ich kann faul Kurs halten. Wegen des Seegang haben wir etwas Schwierigkeiten den Motor auszustellen- klappt beim dritten Anlauf. Nun könnte ich den Titel des Wanderprospektes umformulieren: Tage unendlicher grauer Wassermassen.

Graue und raue See

Graue und rauhe See

Sechs Stunden kreuzen wir durch die Wellen und machen 3 Knoten Fahrt. Die ganze Zeit will ich an der Pinne bleiben, weil ich Angst vor Seekrankheit habe. Die Wellen sind insgesamt 1,50 Meter hoch, d.h. 1 Meter See. (Das untere Drittel wird immer abgezogen.) Wir arbeiten unsere gesamten Jahrzehnte Biografien auf.

Vor lauter Labern bin ich unkonzentriert und eine Welle trifft die Samira volle Breitseite. Die Welle bricht sich seitlich und über dem Schiff. Ich bekomme von oben voll eine Dusche Seewasser ab. Es rinnt über Wollmütze und Jackenkragen in Sekundenschnelle in die Ärmel und ich bin bis auf die Unterwäsche durchnässt. Jan trifft es genauso- Eiswasser den Nacken hinunter. Darf ich mich jetzt Salzbuckel schimpfen ? Zumindest meine Jacke hat einen Salzbuckel, nachdem das Seewasser trocknet.

Unter Deck sieht es chaotisch aus. Die Wasserflaschen (logischerweise aus Plastik) flogen aus den Regal. Der Niedergang hatte sich gelöst und mein Logbuch überfahren. Die Seekarten lagen auf dem Fußboden. Ein Teil der Backbordkoje fährt sparzieren.

Was bin ich froh, dass Jan dabei ist. Er hat die zündende Idee: Wir schalten den Motor an, um mehr Höhe zu gewinnen. Anders formuliert können wir so besser schräg gegen den Wind anfahren. Der bläst genau aus der Förde, in der Samiras Heimathafen liegt.

Die Wellen stoppen das Schiff immer wieder auf. Nach weiteren drei Stunden erreichen wir endlich den Leuchtturm Kalkgrund.

Dort wollte ich ursprünglich nach Gelting Mole abbiegen und am Samstag morgen alleine weiter nach Flensburg motoren. Jan bietet mir an, bis zum Ziel Flensburg zu fahren und berechnet die Ankunftszeit richtig auf Mitternacht.

Herbststurm

Ich hasse diesen Sturm. Ich hasse diesen Böen mit sieben Beaufort. Ich hasse dieses Tiefdruckgebiet Andreas.

Der Südwind bläst mir den Regen genau in die Kajüte. Der Regen läuft in Rinnsalen über das Schott auf den Niedergang (Treppe). Durch die Vorschiffsluke tröpfelt es auf Schlafsack und Matratze. Ich wische den ganzen Tag wie irre den Regen im Schiff auf und verlege mein Nachtlager in die trockene Salonkoje. Der putzige Heizlüfter- mit toller Kippfunktion: er schaltet sich aus wenn er kippelt- und mit seinen 20×30 cm läuft den kompletten Tag auf höchster Stufe 6. Dennoch sind Kissen und Schlafsack klamm und die Polster trocknen seeeeeeehr langsam.

Dazu kommt der infernalische Lärm. Der Spi-Baum dröhnt als ob eine ganze Armee von Orks mit ihren blechernen Trommeln anrückt. Die Wellen toben wie das brausende Wellenbad im Regensburger Westbad bei voller Leistung.

Ich flüchte in den Ort Marstal. Die Gebühr für Skipper Jan kann ich in Euro – Scheinen vom Automaten mit der Visa- Card abheben. Die freundliche Schalterdame kommt sogar in Bluse heraus in den Nieselregen und zeigt mir, wie das am Automat funktioniert. Wieder unglaublich hilfsbereit, die Dänen. Im Supermarkt kaufe ich fertig belegte Sandwiches mit Speck und hartgekochten Eiern ein. Proviant für die morgige Überfahrt. Hoffentlich ist Jan nicht Veganer…..Zimtknäckebrot, zwei Äpfel und eine Dose vegetarisches Chili sind meine Reste im Schapp.

Tage des grünen Lebens

Auf Sonnenschein folgt Regen

Auf Sonnenschein folgt Regen

Am Freitag wird der Mitarbeiter Jan (Name von mir geändert) vom Charterstützpunkt anreisen und mir bei der Überquerung des Kleinen Belts helfen. Meine Segelerfahrung und mein Nervenkostüm reicht nicht aus, um bei 6 Beaufort zirka acht Stunden gegen den Wind in die Flensburger Förde hinein zu kreuzen. Außerdem: Better safe than sorry, würde der Ire sagen.

Die Eignerin der Samira drückte es anders aus: „Da können Sie jetzt entspannen und die letzte Urlaubswoche genießen.“

So mache ich das. Ich wandere zum Hünengrab von Kragnaes. Die Strecke beträgt zirka 14 km, wofür ich mit Pausen knapp vier Stunden brauche.

Der Hinweg führt mich auf dem Öhavsstien entlang. Dieser „Wanderweg des Inselsmeeres“ wird im Prospekt mit „Tage der blauen Weite- Tage des grünen Lebens“ umschrieben.

Trifft zu. Die ersten Kilometer führen durch einen grünen, chaotischen Laubwald. Warum chaotischer Wald ? Wie im Nationalpark werden die umgekippten Bäume einfach liegengelassen. Der Wanderweg besteht aus Englischen Rasen. Angenehm- ich schwebe dahin. Der Rasen auf dem Weg wird regelmäßig getrimmt und federt unter meinen Schritten.

Über goldgelbe Roggenfelder marschiere ich weiter. Ab und zu muss ich in den Hecken und mich vor dem Regen verstecken. Die Sträucher halten das meiste Nass ab und gegen den restlichen Regen bin ich mit dem Ölzeug und Wollmütze gut gewappnet.

Die Pferde glotzen mir hinterher und kommen an den Zaun. Ich scheine die Attraktion des Tages zu sein.

Über den Bodden mit seinen Schilfwiesen erreiche ich das Hünengrab von Kragnaes. Es stammt aus der Steinzeit und wurde 1974 wieder aufgebaut. Der schwarze Himmel verleiht der Anlage etwas Mystisches. Kein Laut ist zu hören, nur ein Gluckern (vom Regen) aus der Grabkammer. Keine Menschenseele weit und breit. Ich krieche ein Stück in den dunklen Tunnel. Und rückwärts wieder heraus. Im Herz, in der düsteren Grabkammer war ich nicht- war mit echt unheimlich so alleine im Grabmal.

Vorsicht vor den Grabunholden (siehe Der Kleine Hobbit)

Vorsicht vor den Grabunholden (siehe Der Kleine Hobbit)

Hünengrab Kaegnaes

Hünengrab Kragnaes

Der Rückweg über die Landstraße führt mich nach Ommel. Einen Bus gibt es dort nicht, dafür ein privates Cafe. Ein Mädchen hat drei Tische in den Vorgarten von „Pers Bro“ gestellt. Waffeln oder belegte Brote sind im Angebot. Eine papierdünne Waffel mit Himbeermarmelade und Schlagsahne verleiht mir die Kraft für den Heimweg.

Die goldene Kuh von Skjoldnaes

Meinen heutigen Hafentag habe ich zum Wandertag umgemünzt.

Der Inselbus hielt in jedem Kaff und brauchte eine Stunde für 20 km Strecke. In Söby angekommen, überreichte mir eine lächelnde Studentin in der Touristinfo die Wanderkarte der Insel Aerö. Mein Wanderziel, der Granitleuchtturm von Skjoldnaes ist auf der Karte abgeschnitten. Ich sage ihr das. Die Antwort: „No Problem, there is just one road. Follow it.“ Und so ist es. Das Straßenschild „Fyr“ übersetze ich mit Feuer- im Sinne von Leuchtfeuer. Der einfache Weg beträgt fünf Kilometer. Aber ich habe Zeit im Überfluss.

Nach der Ortschaft Haven habe ich eine Erscheinung: Eine goldene Kuh steht auf der Weide. Mit ausdrucksloser Miene starrt sie auf den Kleinen Belt. Ein Bildhauer hat das lebensechte Werk gestaltet und in seinem Garten weitere, geschmackvolle Steinskulpturen ausgestellt. Mit Preisen ab 1.500 Euro aufwärts werden das keine Bestseller.

Auf Aerö sind die Kühe golden

Auf Aerö sind die Kühe golden

Der Leuchtturm Skjoldnaes ist massiv aus braunen Granit gebaut. Die Eingangstür ist sehr schmal. Ich passe nur seitlich durch. Anschließend geht es unzählige Granittreppenstufen hoch. Zum Schluss eine steile, schmale Leiter. Und durch eine Falltüre und eine Art Zwergentür auf die Plattform. Daher die schmale Eingangstür- damit niemand oben im Turm steckenbleibt.

Auf dem Leuchtturm Skjoldnaes

Auf dem Leuchtturm Skjoldnaes

Die Aussicht auf Aerö, Alsen und die Dänische Südsee belohnt den Aufstieg. Mir fallen die sich weiß brechenden Wellen im Kleinen Belt auf. Ich sehe, wie ein große Segeljacht in ihnen kämpft und bin froh meine Entscheidung nicht heraus zu fahren.

Auf dem Rückweg beginnt es zu schütten. Ein Ford mit einem Touristenehepaar aus Jütland hält an. Sie nehmen mich zum Hafen mit. (Siehe mein Beitrag „Das Glück der Dänen“- die lassen Dich nicht im Regen stehen.)

In Söby bleiben mir 20 Minuten bis der Bus kommt. Statt im Regen zu stehen betrete ich den „Havnekiosk“. Dort probiere ich eine dänische Spezialität: Ristet Hotdog. Wie eine „Regensburger Knackersemmel“- nur ohne den Meerrettich. Die Bedienung fragt: „Mit allem?“ Ich antworte: „Ja.“ Denn was es zur Auswahl gibt, entzieht sich meiner Kenntnis. Auf das Burgerbrötchen kommen dreierlei Soßen (Senf, Ketchup und eine Art Curryremoulade). Auf die Wurst werden frische Zwiebelwürfel, geröstete Zwiebeln und Essiggurkenscheiben gestapelt. Beim Abbeißen fällt ein Teil des Turm auf den Tisch. Besser als auf die Jeans.