Buchkritik: Bikeline- Rund ums Ijsselmeer

An jedem ersten Sonntag des Monats stelle ich Euch ein Buch rund um das Thema Niederlande vor. Bekanntlich ist Vorfreude die schönste Freude und diesjähriger Segeltörn wird in den Niederlanden stattfinden.

In der Stadtbücherei fand ich zum Suchbegriff „Ijsselmeer“ genau ein Buch: Das Radwanderbuch „Rund ums Ijsselmeer“ von der Serie Bikeline.

ISBN 978-3-85000-658-3

Darum eignet es sich für Ijsselmeer- Segler

  1.  Das lästige Hantieren mit den Seekarten entfällt endlich. Statt mit A2- Formaten zu kämpfen, schlägt man lieber die 12×22 cm kleine Seiten im Bikeline- Büchlein auf und navigiert nach Landmarken. Nein, war ein Witz!
  2.  Jedoch ist das handliche Format und geringe Gewicht von knapp 300 Gramm tatsächlich ein Vorteil für Segler, die bekanntlich alles auf dem Rücken auf das Boot und durch die Gegend schleppen müssen.
  3.  Die Seiten des Bikeline- Radtourenbuches sind wasserabweisend gedruckt. Ein großer Vorteil für Segler, denn auf meinem vierwöchigen Dänemark- Törn sind die Seiten einiger Bücher total zusammengeklebt, als Dauerregen für viel Feuchtigkeit im Schiff sorgte und vor allem etwas Wasser durch die Deckenluke eindrang.
  4. Das Buch enthält ausschließlich Infos zu Orten am Ijsselmeer und keine unnötigen Kapitel beispielsweise zu Den Haag, die am  Ijsselmeer nicht braucht.

Worum geht es?

Die Einleitung bespricht die Anreise mit der Bahn und mit dem Auto, inklusive Parkhäusern in Amsterdam, in denen man Langzeitparken darf. Das Höhenprofil mit optisch Null Höhenmetern hätte der Verlag sich schenken können, jedoch zeigt es die Familienfreundlichkeit der Tour. Die günstigen Übernachtungsmöglichkeiten wie Jugendherbergen namens „Stayokay-Hostels“ und Naturfreundehäuser „Nivon“ habe ich im Baedeker vergeblich gesucht.

Auf den Seiten 17 bis 110 werden die drei Streckenabschnitte „Amsterdam- Afsluitdijk- Kampen- Amsterdam“ und das Special „Texel- Vlieland- Harlingen“ ausführlich beschreiben. Sehenswertes und die Adresse der Touristinfo wird zu jeder Ortschaft knapp in jeansblau gedruckt. Geschichte und Wissenwertes liest sich in kursiv. Die Beschreibung der Radtour selbst wird kurz und knapp im normalen Schriftbild gehalten.

Am Buchende befindet sich der Ortsindex mit Seitenangaben.

Wie hat es mir gefallen?

Für den Radfahrer erweist sich als äußerst nützlich, dass jede zweite halbe oder ganze Seite mit detaillierten Kartenausschnitten im Maßstab 1: 50.000 bedruckt wurde. Das ist für uns Segler natürlich sinnlos. Ebenso die lila und orange farbig markierten Routenalternativen. Außer man hat ein Bordfahrrad und unternimmt gerne Radtouren.

Positiv überrascht hat mich die Länge der Sachkapitel über die besuchten Orte. Hier bietet der Baedeker kaum mehr Text zum Ijsselmeer.

Ein toller Gag für Schreibfaule sind die Shortcuts zu Homepages von Museen über die Seite des Buchverlages. Auf Öffnungszeiten wird erfreulicherweise verzichtet, mit dem vollkommen richtigen Hinweis, dass diese sich ständig ändern.

Die Text ist in unserer Muttersprache Deutsch geschliffen verfasst. Zitat zur Fahrt über den Abschlussdeich: „…die Gleichatmigkeit des Abschnittes müssen Sie dafür aber in Kauf nehmen.“

Resümee: Ein lesenswertes Buch, jedoch nur die Hälfte des Inhalts für Segler relevant.

Fazit: 4 von 5 Seesternen

 

 

 

 

Buchkritik: Auf ein Heineken könn‘ wir uns eineken

An jedem ersten Sonntag des Monats stelle ich Euch ein Buch rund um das Thema Niederlande vor. Bekanntlich ist Vorfreude die schönste Freude und mein diesjähriger Segeltörn wird in den Niederlanden stattfinden.

Den Roman mit dem lustigen Titel „Auf ein Heineken könn‘ wir uns eineken“ (ISBN: 9783492272926/ Verlag: Piper) von Kerstin Schweighöfer las ich in den Winterferien. Im wahren Leben arbeitet die Schriftstellerin für Focus und Art, zwei Magazine.

Worum geht es?

Die Journalistin Kerstin Schweighöfer verliebt sich im Spanienurlaub in den Holländer Jan Kees und zieht alsbald in die Niederlande um. Nach eigenen Angaben mischt sie Realität und Fiktion in diesem Buch. In 32 Kapiteln beschreibt sie ihre Erlebnisse mit unseren westlichen Nachbarn und berichtet, wie die Geschichte mit ihrer Liebe Jan und der Stieftochter Daphne weitergeht. Jedes Kapitel beschäftigt sich mit zwei oder drei Sachthemen. Ob Hausgeburt, Rotlichtmilieu, Außenpolitik oder Sterbehilfe. Jedes Thema wird angeschnitten. Die Autorin räumt mit Vorurteilen auf und erlebt selbst die Landesgeschichte von den sehr liberalen 1990ern bis zu den rechtsradikalen 2000ern.

Wie hat es mir gefallen?

Während die ersten Kapitel amüsant zu lesen sind, kommt spätestens nach dem ersten Buchdrittel Langeweile auf. Die Charaktere bleiben fremd und die Sachthemen werden jeweils nur angekratzt. Jedes Kapitel hat das gleiche Schema und Tulpenbild. Auf die Beziehung zu Jan und Daphne wird sehr oberflächlich eingegangen, obwohl das Leben als Patchworkfamilie sicherlich herausforderte. Auch die Freunde scheinen beliebig austauschbar. Das ist das Manko, wenn Sachbuch mit Roman verheiratet werden soll.

Gleichzeitig gelingt es meiner Namensvetterin Fakten über die Niederlande kurzweilig zu vermitteln. Von der Ankunft des Nikolauses mit dem Schiff (aus Spanien) und dem Schlittschuhrennen „Elfstedentocht“ über 200 km hatte ich noch nie gehört.

Gefallen hat mir die gelungene Einflechtung niederländischer Wörter: „Klopt!“ (Stimmt!“) rufen die Freunde. „Mut koennen“ entspricht dem Bayrischen „Leben und Leben lassen“. „Schat“ bedeutet Schatz. Und mit dem Suffix „-je“ wird verniedlicht. So wird aus „Schat“ dann „Schatje“ und aus Kerstin wird „Kersje“.

Resümee: Das Buch sorgt für einige unterhaltsame Lesestunden zum Thema Niederlande. Würde ich aber kein zweites Mal lesen.

Fazit: 3 von 5 Seesternen

 

 

 

 

Buchkritik: Baedeker Niederlande

An jedem ersten Sonntag des Monats stelle ich Euch ein Buch rund um das Thema Niederlande vor. Bekanntlich ist Vorfreude die schönste Freude und mein Segeltörn 2020 wird in den Niederlanden stattfinden.

In der Stadtbücherei gab es einen Dumont-  und einen Baedeker- Reiseführer zu unserem Nachbarland. Der schlankere Dumont enthielt leider wenig Informationen zu den Orten am Ijsselmeer. So schleppte ich den „Baedeker Reiseführer Niederlande: mit grosser Reisekarte“ nach Hause. ISBN: 978-3829718677 / Verlag: Baedeker Ostfildern. Und hier kommen schon die Kritikpunkte: Der Baedeker wiegt beinahe 800 Gramm, also ob man ständig acht Tafeln Schokolade herumtragen würde. Außerdem ist die Schrift sehr klein und die Specials sind sehr ungünstig auf grauem Hintergrund gedruckt.

Worum geht es?

Das Buch beginnt wie jeder klassische Reiseführer mit „Land und Leute“, also Geschichte, Kunst und Wirtschaft. Holland entspricht in der Realität nicht dem „Käse und Tulpen“- Klischee, da nur 2% der Wirtschaft auf die Landwirtschaft fallen. Hingegen ist es eine der größten Exportnationen Europas und handelt mit Erdöl. Der Rotterdamer Hafen setzt ein Vielfaches an Gütern wie Hamburg oder sogar Singapur um.

Geschmunzelt habe ich über das Kapitel „Kuriose Niederlande“ am Buchende. Der Bachlauf, der 15 Meter in die Tiefe sprudelt wurde kurzerhand als „höchster Wasserfall der Niederlande“ deklariert.

Weiter im Buch werden sehr kurz und knapp vier Touren auf elf Seiten beschrieben. Denn im Hauptteil des Reiseschinkens kann man auf knapp 200 Blättern Informationen zu so ziemlich jeder Stadt oder Ortschaft der Niederlande finden. So habe ich gelesen, dass in Lelystad nicht nur ein Naturschutzgebiet geboten wird, sondern auch ein Flugzeugmuseum namens „Aviodrome“ über Anthony Fokker, das Batavia- Museum über die Landgewinnung des Flevolandes (Gebiet, auf dem Lelystad 1967 gegründet wurde) und eine Werft mit dem Handelsschiff „Batavia“ der Ostindien- Kompagnie.

Wie hat es mir gefallen?

Nutzlos sind für mich als Segler die Hinweise auf Hotels. Ebenso dürften die Restaurant- Tipps schnell veralten, sobald der Koch wechselt. In Zeiten von Online- Hotelbuchungen im Internet könnte man diesen Teil komplett streichen. Ebenso die Kartenausschnitte, in denen Hotels und Lokale eingezeichnet sind. Da jeder über Navi oder Handy navigiert und lediglich in der Seefahrt ich noch Papierkarten zu Rate ziehe.

Anschaulich auf herausklappbaren Doppelseiten im Hochglanzformat und gut recherchiert, sind die Specials zu den Leuchttürmen, dem Oosterscheldedam und natürlich Käse.

Resümee: Alles in allem ein lesenswerter Reiseführer für die Generation ab 50+.

Fazit: 5 von 5 Seesternen

 

 

 

 

Törnplanung 2020: Ijsselmeer

Nächstes Jahr werde ich wieder als Einhandseglerin die Weltmeere für eine Woche unsicher machen. Holland, ich komme!

In den Sommerferien werde ich mit einer Friendship 22- Segeljacht das Ijsselmeer und eventuell das Markermeer befahren. Mit 7,30 Metern Länge hat die „Sundream“ ähnliche Ausmaße wie meine Shadow, also für mich beherrschbar. Meere sind übrigens in Holland Binnengewässer. Das deutsche Wort Meer wäre auf holländisch die „Zee“. Für die „Waddenzee“/ Nordsee hat das Boot leider keine Fahrerlaubnis. Sonst hätte Texel ganz oben auf der Wunschliste gestanden. Nun rutscht der Ort „Volendam/ Edam“ als Törnziel auf die Bucket- List. Dort findet im Sommer mittwochs ein Käsemarkt für Touristen statt und man kann diverse Käsereien anschauen.  Inzwischen nehme ich mir nur ein einziges Törnziel pro Woche vor, denn Wetter und Wind passen nie zur idealisierten Törn- Planung.

Hier trotzdem der Törnplan:

 Seemeilen  Sehenswert  Link
Donnerstag Ruhrgebiet Übernachtung                   –
Freitag Yachtübergabe                   – Strandtag in Lemmer
Samstag Enkhuizen              17,4  Bauernhof Museum https://www.zuiderzeemuseum.nl/
Sonntag Hoorn              11,9  Museum über Goldenes Zeitalter https://www.westfriesmuseum.info/de/
Volendam o. Lelystad                 8,9  Käserei https://henriwillig.com/de/kasefarm/volendam/
Dienstag Lelystad o. Lemmer              14,8 Batavia Werft https://www.batavialand.nl/de/werft
Mittwoch Lemmer              22,0
Donnerstag Zeitpuffer                   –
Freitag Yachtübergabe                   –
Summe              75,0

Ich habe es einer Kollegin zu verdanken, dass ich so früh das Boot gebucht habe. Sie meinte, dass die Sommerferien die beliebteste Zeit für einen Segeltörn im kalten Norden wären und ich bald buchen soll. Somit habe ich dank 10% Frühbucher- Rabatt sogar 49 EUR gespart, was meinem Essensbudget für Restaurants und Kioske der kompletten Charterwoche entspricht.

Apropos Budget: Meinen ursprünglichen Plan, auf dem Stettiner Haff zu chartern, habe ich verworfen, weil der Preis auf 800 EUR pro Woche für die alte Neptun 25 von 1975 erhöht wurde. Das sprengt mein Budget von 1.000 EUR pro Urlaubswoche. Meine Preisvorstellung liegt bei 600 EUR für die Koje/Einhandboot + 300 EUR Marinagebühren und Essen + 100 EUR für die Benzinkosten bei Anfahrt mit dem Auto.

Der Christo unter den Seglern

Schrubbe mit einer Bürste den Rumpf der Shadow von Algen sauber. Mein erster Versuch, mit einem weichen, lackschonenden Schwamm den Algen zu Leibe zu rücken scheiterte. Außer, dass das Putzwasser mir schwallweise in die Ärmel lief, kaum ein Unterschied am Rumpf. Krieche zwischen den Kimmkielen herum und muss den Schrubber über Kopf halten. Jetzt sind meine Haare klatschnass. Inzwischen bricht die Dämmerung herein und beendet meine Putzaktion. Ich werfe den Motor meines Autos an und leuchte mit den Scheinwerfern Shadows Stellplatz aus.

Ich zolle im Nachhinein dem Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude meinen Respekt. Hatten diese den Reichstag in Berlin komplett verhüllt. Ich schaffe nicht einmal, die in Relation winzig kleine Shadow mit der Plane korrekt zu verhüllen.

Die 5 Kilo schwere Abdeckplane wuchte ich in Shadows Cockpit hoch. Danach klettere ich die wackelige Leiter hinterher an Deck. Huch, das Schiff schwankt auf dem Trailer. Ich rolle die Plane aus, wobei ich neben dem Mast balanciere und krieche. Das 8×12-Meter- Monster hängt über die Reling herunter.

Erfreut knote ich die Plane mit Bändseln auf der Bugseite am Trailer fest. Danach ziehe ich sie nach hinten soweit es geht. Jetzt fällt mir auf, dass die Plane nicht bis zu Shadows Popo reicht. Der guckt raus. Shit. Längs und quer verwechselt. Die 8-Meter-Seite ist dort, wo die 12-Meter-Seite sein sollte. Wie ein vereister Wasserfall ergießt sich der Planenrest zu Boden, der mir entgegen fällt, als ich daran ziehe. Befestige vorerst die Heckseite an den Metallstreben des Bootsanhängers.

I will be back!

P.S: Habe drei Tage später erfolgreich die Plane gedreht und mit der Allzweckwaffe „Kabelbinder“, die Ösen fest verschlossen.

Der richtige Trailer

Die Werft kam mit zwei Autos. Auf einem weiteren straßentauglichen Trailer stand obendrauf mein Trailer. Somit standen für die Shadow kurzeitig drei Trailer auf dem Gelände herum: Der Falsche Trailer 1, mein Trailer und der Straßentrailer 2. Konnte gleich meine Kenntnisse bei der Kranbedienung anwenden und hob mit dem Kran einen Trailer von dem anderen. Clubkameraden legten gerade bei einer gelben Neptun den Mast am Mastenkran und ließen mich an den Lastenkran bis sie mit der Mittagspause fertig sind. Sehr nett.

Die Shadow wurde auf dem falschen Trailer zum Kran gezogen. Obwohl wir die 6 Meter- Gurte an den Markierungen anbrachten, neigte die Shadow sich bedenklich nach vorne. Also Gurt versetzt, brachte wenig. Nun die ganze Traverse versetzt. Passt. Hing perfekt waagerecht. Ab auf meinen Trailer. Erst saß sie in meinen Augen zu weit vorne, außerhalb ihrer Aluminium- Schienen. Wieder hochgehoben, Trailer verschoben. Passt.

Zum Glück hatte ich die richtigen Spanngurte im Baumarkt gekauft. Die Werftmitarbeiter brachten diese an und erklärten mir, dass ich sie am besten auf Klampen befestige und den Bug nach hinten abspannen soll. Für die 100 Meter Fahrt über die Wiese tat es der Bugkorb.

Ein Schreckmoment für mich war die Hiobsbotschaft, dass der Trailer sich nur vorwärts bewegen lässt und bei Rückwärtsfahrt die Bremse blockiert. Shadows Gewicht löste die Blockade und die Werftmitarbeiter fuhren sie auf die Winterlagerwiese des Segelclubs.

Am Wochenende feierten wir das Saisonende im Club. Ein kurzweiliger Abend mit Backschinken im Brotteig, Leberkäse und Käseplatten. Niemand wollte heimgehen. Wir feierten vier Stunden und ein Segelkamerad gab zu seinem 80. Geburtstag ein Fass Bier aus.

Jetzt steht der lange, segelfreie Winter mit Zeit zum Plätzchen- Backen und Ukulele- Spielen bevor. Dieses Jahr habe ich zum ersten Mal das Gefühl, dass ich oft genug segeln war.

Der falsche Trailer

Endlich war es soweit. Mein eigenes Boot sollte gekrant werden. Und zwar von mir!

Schnell mittags von der Arbeit abgehauen, beim Discounter Joghurt mit Roter Grütze und Knusper- Haferflocken als seltsames Mittagessen gegessen (die anderen fleischlosen Snacks waren ausverkauft) und den blauen Segel- Fleeceanzug angezogen.

Shadows Kimmkiele beweisen ihre wenigen Vorzüge: Selbst im flachen Teil des Kran- Hafenbeckens kann ich ohne Auflaufen anlegen.

Mein Segelkamerad und Kranlehrer Hubert (Name von mir geändert) ist überpünktlich da und gibt mir Tipps zum Mastabbau, die ich versuche umzusetzen. Kämpfe gegen die Sicherungsringe mit einer Zange. Er erklärt mir außerdem, wie ich die Segel besser trimmen kann: Beim Am-Wind- Kurs muss der Holepunkt nach hinten verlegt werden. Probiere ich nächste Saison definitiv aus. Bisher war ich froh, wenn die Shadow sich überhaupt in die von mir gewünschte Richtung unter Segeln bewegt.

Die Werft kommt 2 Minuten nach 14 Uhr. Ich habe derweilen schon die Krangurte geholt, allerdings die falschen, nämlich die 5 Meter Gurte. Shadows voluminöser Bauch braucht die 6 Meter Gurte plus die Verlängerung. Komme vom Geschleppe ins Schwitzen, denn zeitgleich mit der Werft ist die Sonne erschienen.

Der Mast wird unter Diskussionen gelegt. Viele Köche verderben den Brei. Shadows Gurte müssen nur einmal verschoben werden, danach hängt sie waagerecht. Beim Schwingen des Kranarmes gerät sie in leichte Schieflage. Hilfe. Kurz darauf steht sie auf dem Trailer. Aber auf dem falschen Trailer! Einem Leihtrailer, der der Werft gehört und Tüv hat.

Die Werft schließt leider aus gesundheitlichen Gründen im nächsten Frühling ihren Betrieb. Da muss die Shadow spätestens abgeholt werden und zurück zum Steinberger See gebracht werden. Hätte ich das früher erfahren, hätte sie gleich meinen Trailer mitbringen können. Nun steht die Shadow auf dem falschen Trailer am Steinberger See.

Morgen wird mein Trailer gebracht. Ich werde berichten, wie es weitergeht.

 

„Kranführerin“ Kerstin

Verstecke mich vor der Kälte im Clubheim und esse dort einen Salat mit Käse, Croutons, Reisnudeln und Sylter Dressing. Erster und zweiter Vorstand schauen nach dem Rechten, obwohl sie offiziell auf Abreise zu ihrem Korfu- Segeltörn sind. Die ersten zwei Boote liegen schon an den Kränen, obwohl erst in 90 Minuten die Krantermine beginnen sollen.

Ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen, esse den Salat auf und spüle ab.

Dann bin ich doch aufgeregt, weil gleich meine Kraneinweisung anfängt. Übungsobjekt ist eine Shark 24. Ich lerne, dass man bei links oder rechts schwenken niemals stoppt, sondern in einem langsamen Zug das Boot vom Becken bis zum Trailer schwenkt. Die obersten Knöpfe der Kransteuerung fahren den Haken mit langsamer (sachte drücken) oder schneller (fest drücken) Geschwindigkeit hoch und runter. Immer langsam hochfahren oder nachschauen, ob das Boot waagerecht in den Gurten hängt.

Bei der Shark klappt das Austarieren relativ schnell. Nun lerne ich, das die Gurte von Bugklampe zu Gurt 1 zu Gurt 2 zu Heckklampe auf beiden Seiten des Bootes gesichert werden. Die Hilfsleine soll um die Gurte mit einem Webleinstek geknüpft werden. „Wie ging der nochmal ?“, fragt sich manch‘ einer der Eigner heute. Ich Streberin darf nicht eingreifen. Denn mein Kranlehrer Hubert (Name von mir geändert) lehrt mich, dass wir nicht die Boote betreten sollen, sondern nur den Kran bedienen. Vorallem wegen eventueller Schäden, die dem Club angelastet werden könnten.

Die Shark schwenke ich problemlos über den Trailer. Sitzt. Der Eigner findet, dass ich das super gemacht habe. Ich antworte, dass sein Boot mein erster Versuch war. Gespieltes Entsetzen seinerseits. Das nächste Boot, eine Dehler 22, übernimmt die neue Hausmeisterin, die heute wie ich ihre Kraneinweisung bekommt. Ich koche im Clubheim für alle Anwesenden Kaffee und packe zwölf Gebäckstücke auf einen Teller. Der neue Besitzer der Dehler 22 freut sich so richtig über ein Marzipanhörnchen, weil er den ganzen Tag vor lauter Kranen nicht zum Essen kam.

Den nächsten Krantermin hat eine Bavaria 770 gebucht, deren Ausmaße der Shadow ähneln. Die grüne Gurtverlängerung wird am Heck angebracht. Spannend für den Eigner und dessen drei Helfer: Wo ist der Saildrive? Den könnte ein falsch angebrachter Gurt beschädigen. Die Hilfsmarken für die Gurte stimmen bei unserer neuen Traverse nicht mehr. Hin und her und hin und her. Jetzt fängt es auch noch an zu nieseln. Die Großschot als Hilfsleine für die Gurte verknotet sich endlos. Als das Boot auf dem Trailer steht, bin ich richtig erleichtert.

Hubert telefoniert mit der Condor 70. Wegen Motorversagen mussten die zwei Eigner-Paare zurück in ihren Hafen paddeln und sich einen anderen Motor ausleihen. Ich räume das Kaffeegeschirr in die Küche, bis das Boot unseren Club- Hafen erreicht. Zum Abspülen komme ich nicht. Denn schon gilt es, die Gurte gefühlt zwanzig Mal neu auszurichten. Im frischen Wind treibt die Condor leicht vor und zurück, was die Angelegenheit erschwert. Ich bediene wieder den Kran und bugsiere die Jacht im ersten Anlauf direkt über den Trailer. Auf dem Trailer hängt das Boot etwas windschief, was aber laut Besitzer so in Ordnung geht.

Die schweren Krangurte und Verlängerungen werden mit dem Schubkarren in die Garage gefahren und zum Trocknen aufgehängt. Die Leiter im Eingang des Clubheims bis morgen früh zum nächsten Krantermin zwischengeparkt.

Tags darauf habe ich Muskelkater in den Armen und die Hüfte fühlt sich steif an. Trotzdem hat mir das Kranen der fremden Boote eine riesige Freude bereitet!

 

 

 

Island Hopping

Glücklicherweise fährt auf dem Steinberger See kein Fahrgastschiff, mit dem ich eine Abschiedsrunde über den See drehen kann. So benenne ich Shadow kurzerhand in das „Kleinste Fahrgastschiff der Welt“ um: Mit mir als einzigen Passagier, der gleichzeitig Kapitän ist.

„MS Shadow“ legt um 10:30 Uhr im Heimathafen ab. Der Akku zeigt eine restliche Kapazität von 86%. Erstes Ziel ist die Umrundung der Großen Insel vor dem Movin‘ Ground Freizeitaktivpark. Dort hatte ich heute morgen Shadows Chemie- WC entleert. Die Entsorgungsstation befindet sich rechts vor dem Eingang, unterhalb der Womo- Stellplätze. Anfahrt laut Navi über den Damm zwischen den Seen. Im Kiosk bezahlt man 1,50 Euro die Entsorgung. Dem Betreiber erhält 2 Euro, klappt den Deckel für mich auf und warnt mich, dass das Frischwasser aus dem Schlauch mit Wucht heraus spritzt. So wird mein Fleeceanzug etwas nass, als den Hahn aufdrehe.

Hinter der Großen Insel gebe ich „Volle Fahrt voraus“. Die Shadow wirft eine kleine Heckwelle auf und die Akku- Laufzeit sinkt rapide auf 77%. Man kann wie bei einem Countdown mit dem Zähler rückwärts zählen: 80%- 79%-78%-77%. Der Motor wird laut. Die Sonne lacht und ich ziehe das Ölzeug aus. Die Wolken sehen dramatisch aus: Dunkelblaue, dunkelgraue, lila und weiße Streifen. Das Ölzeug lasse ich auf der Cockpitbank liegen.

Mit moderater Fahrt gleitet die Shadow fast lautlos um die Kleine Holzkugel- View- Insel herum. Die Kanada- Wildgänse im Flachwasser schnattern aufgeregt, fliegen jedoch nicht davon. Von der Holzkugel klingen die Freudenschreie der Rutschenden herüber. Tief Lorenzo schickt ein paar Böen und zirka 3 Beaufort Gegenwind in die Oberpfalz. Shadows Fahrt reduziert sich, doch ich habe Zeit. Ölzeug fröstelnd wieder angezogen. Plötzlich taucht achterlich eine Friendship 23 auf, die mich kurz darauf korrekt links überholt. Der Eigner möchte offenbar als Erster bei den Kränen sein.

Dabei halte ich doch auf die Club- Insel zu und gar nicht auf den Hafenabschnitt mit den Kränen! Mit deren Umrundung schließe ich das heutig Island- Hopping am Steinberger See ab. Der Akku zeigt um 11:15 Uhr 50%. Somit habe ich in 45 Minuten 36% des Akkus verbraucht. Von den im Werbeprospekt versprochenen 10 Stunden Fahrtzeit ist das weit entfernt. Diese Angabe gilt vermutlich für ein Schlauchboot mit 4 PS Torqeedo- Elektromotor.

 

 

Segeln= Bootfahren ohne Motorgeräusche

Zum Saisonabschluss kamen meine Freunde Liv und H. (Namen von mir geändert) an Bord. Das Sturmtief Mortimer sorgte für Action.

Ein lautes, metallisches Krachen drang über den Steinberger See. Oh nein, bei einem Katamaran war der Mast abgebrochen und auf einen der Rümpfe gekracht. Ein Clubkamerad eilte mit seinem Boot den Verunglückten zur Hilfe herbei. Die Besatzung war unverletzt und hatte sogar Paddel dabei, mit denen sie das havarierte Boot selbst an den Kopf des Steges 3 paddelten.

Ich beschloss jedenfalls, dass das Vorsegel heute als Segelfläche reicht. Segelkameraden wiesen mich darauf hin, dass das Großsegel die bessere Wahl wäre. Mag sein, aber dafür muss ich aus dem Cockpit raus. Der Wind wehte aus günstiger Richtung. Die Shadow lag windgeschützt am Steg im ruhigen Wasser. Liv und H. überlegten, ob sie die Rettungswesten anziehen sollen, weil ja kaum Wind weht. Ich zog meine Rettungsweste wie immer an und wies auf die Boote hin, die draußen auf dem See schräg in den Böen liegen.

Dann legte ich ab. Liv war wie ich ganz begeistert von dem Vortrieb meines neuen Torqeedo- Motors; selbst im Rückwärtsgang. Mit dem Minnkota- Motor waren wir die letzten Jahre wie in Zeitlupe aus dem Ramsberger Hafen geschlichen. Der Wind rollte das Vorsegel fast ohne mein Zutun in Sekunden aus. Die Shadow preschte los und wollte Liv und H. wohl zeigen, wie schnell sie sein kann.

H. fasste Segeln aus Sicht eines Motorboot- Fahrers zusammen: „Man hört keine Motorengeräusche, kommt aber trotzdem schnell voran.“ Der Hafen lag nach fünf Minuten weit achteraus. Unser Törn führte mit angenehmen Halbwindkurs bis zur Segelschule über den See. Im warmen Sonnenschein. Auf dem Rückweg spritzte bei Am-Wind- Kurs sogar Wasser auf das Deck hoch. Und Action! Die Shadow lag trotz Böen mit fünf Beaufort ruhig und stabil im Wasser. Liv und H. blieben so entspannt, wir unterhielten uns angeregt und philosophierten über Seekrankheit.

Beim Anlegen machte Liv noch Witze, dass ein Nicht- Bootfahrer rufen würde: „Vorsicht! Der Baum!“ Shadows Bug berührt fast die Birke am Ufer, bevor ich das Ruder anschlage. Liv und H. applaudierten mir total lieb, nachdem ich fehlerfrei angelegt hatte. Zur Belohnung gab es für uns Frauen einen Sekt und für H. einen Autofahrer- Cocktail, also eine Flasche Wasser. Livs selbst gebackenen Gugelhupf mit Schokoladen- Stücken und Haselnuss aßen wir zur Hälfte auf. Köstlich. Ursprünglich wollte ich im Clubheim Kaffee holen. Doch wir saßen so gemütlich im Cockpit zusammen und blieben hocken. Plauderten über Livs neue Lektüre „Das Meer“ von Wolfram Fleischhauer und lachten über meinen Selbstversuch gemäss der Lektüre „Speed Cleaning- In 8 Minuten zur blitzblanken Wohnung“. (Ich putzte fast eine Stunde statt 8 Minuten.) H. führte mir vor, wie er seinen neuen Staubsauger über das Handy aktivieren kann. Faszinierend für mich Techniknull. Die zwei Innovators sind immer auf dem neusten Technikstand.

Tief Mortimer schickte seine Wolken in die Oberpfalz. Meine Freunde verabschiedeten sich. Die Segel schlug ich wegen der heranrasenden Regenfront in Rekordzeit ab. Demontierte hastig den Großbaum. Die ersten Regentropfen fielen. Der Himmel weinte mit mir über das Saisonende. Zum Abschied schickte mir Thor, der Gott des Wetters, einen Regenbogen, der sich über den See spannte.