Die dunkle Seite der Skipperin

Seit 32 Jahren sind Vera (alle Namen von mir geändert) und ich Freundinnen. Also sehr langjährige Freunde, die sich seit drei Vierteln des Lebens nahe stehen. Daher hatte ich ihr einen freien Tag angeboten, wollte ihre Töchter abholen, um mit den Mädels und meinem Sohn Thorger einen Ferientag am Steinberger See zu verbringen. Eigentlich. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Der Urlaub von Bruce, Veras Mann, begann just an meinem geplanten Segel- Ausflug. Bruce ist der größte Segelfan der Familie.

So packte Vera die komplette fünfköpfige Familie ein. Nur der Hund musste daheim bleiben, denn im Clubheim sind Tiere verboten.

Thorger hat den tieferen Sinn vom Segeln durchschaut: Herum sitzen und leckere Sachen essen. Im Salon vertilgte er Butterkekse, während ich die Shadow segelfertig machte.

Vera fand dank meiner Wegbeschreibung problemlos zur Shadow. Wie letztes Jahr am Brombachsee wollte die Kleinste, Ste, den beiden Älteren den Vortritt beim Segeln lassen. Während ich aus dem Hafen fuhr, musste Bruce Thorger auf der Toilette helfen. Der Deckel klappt nämlich zu, wenn man sich umdreht und das Klopapier ist für Kinderarme auf dem Boden schwierig erreichbar. Ich konnte jetzt aber gerade nicht vom Steuer weg und manövrierte Shadow rückwärts aus der Boxengasse.

Dafür durfte Bruce ab dem Segelsetzen die Pinne übernehmen und übte fleißig zu wenden. Dass man die Segel auf die andere Seite bringt, weiß er als Surfer. Die Mädchen durften auf dem Vordeck sitzen und die Beine in der Luft baumeln lassen. Um die Boje vor der Segelschule wollten wir eine regatta- mäßige Wende kratzen. Gelang. Etwas zu knapp nach meinem Geschmack. Das Seil der Boje geht jedoch senkrecht zum Seegrund herunter und meine Sorge, es mit dem Kiel oder schlimmer dem Propeller einzufangen, war somit unbegründet.

Bruce überlegte, wie man Shadows alte, vier Bleibatterien, aus dem Rumpf hochheben kann. Mit der Sackkarre, die Zementsäcke aushält, war seine gute Idee. Der Wind legte einen Zahn zu und Bruce fragte, ob wir in den Hafen segeln können. Meine Antwort: „Kannst Du gerne machen. Auf einem anderen Boot und mit einer anderen Skipperin.“

Dummerweise wollte ich teilweise auf seinen Wunsch eingehen. Die Shadow sollte möglichst lange unter Vorsegel dahinflitzen. Beim Bergen des Großsegels brach das Chaos aus: Bruce steuerte durch den Wind, das Vorsegel stand back, ich auf dem Vordeck im Weg, der Motor hätte gejault, wenn er könnte. Ich brüllte los: „Mensch, hol‘ das Segel auf die andere Seite! Oder willst Du, dass wir kentern!“ Rannte selbst nach hinten in das Cockpit, weil die Crew die Vorschot nicht aus der Klemme bekam. Derweilen flatterte das Großsegel unkontrolliert im Wind. Und was lerne ich daraus: Nie die Abläufe ändern, auch wenn es die Crew gerne hätte. Normalerweise rolle ich immer zuerst das Vorsegel weg und als zweites das Großsegel. Damit das Vorsegel mir eben nicht um die Ohren fliegen kann, wenn ich am Mast stehe und das Groß berge.

Bruce kommentierte den Vorfall später gegenüber Vera: „Kerstin hat heute ihre dunkle Seite gezeigt.“ Sorry an alle für meinen unfreundlichen Tonfall!

Thorger unterhielt uns beim Anlegen bzw. lenkte mich ab. Er hatte zwar selbständig die Badehose und die neuen, großen Neoprenschuhe angezogen. Doch diesmal wollte er Jens Schnorchel an seiner Taucherbrille befestigen, was misslang. Er weinte laut vor Wut, was die Mädels irritierte. Fi half ihm. Denn wie beim Ablegen kann ich in der Hafengasse nicht von der Pinne weg. Vor allem nicht bei Seitenwind.

Die kleinste Tochter Ste hatte am Strand ein hübsches Terrarium aus Sand gebaut, mit einer Seerosenblüte und einem Seerosenblatt dekoriert. Darin saß ein Grasfrosch, den sie vorsichtig mit der Hand eingefangen hatte. Kein Ekel vor Amphibien. Finde ich super. Sie verzichtete freiwillig heute auf eine Segeltour. Denn mein, kleiner, süßer Frosch, Thorger, plantschte zwei Stunden im Wasser und wollte anschließend nach Hause- mit Abstecher zu Macci.

Wir sieben verbrachten zusammen eben am Strand und nicht auf der Shadow eine gute Zeit. Bruce passte im Wasser auf den Nichtschwimmer Thorger auf. Fi und ich schwammen zum Kran und sprangen vom Steg. Thorger wollte hinterher. Die Aussicht auf einen spannenden Sprung spornte ihn an, ein paar Züge zu „schwimmen“. Also Wasser zu treten und sich auf den Schwimmgurt zu verlassen. Später hatte Vera auf der riesigen Picknick- Decke mit Wasserschildkröten (passend) ein Picknick mit viel frischen Obst gezaubert. Für Himbeeren verließ sogar Thorger das Wasser. Lecker!

Danke für Euren Besuch!

P:S: Ich hoffe, Ihr kommt spätestens nächstes Jahr wieder, auch wenn Ihr meine dunkle Seite kennengelernt habt.

 

 

 

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