Segeln mit Kollegen

Nach einer recht kühlen Übernachtung auf der Shadow, lud Liv mich zum Frühstück im Warmen beim besten Bäcker der Welt ein: Der „Kleeberger“ in Ramsberg. Danke dafür! Bamberger („Croissants“) waren ausverkauft und stattdessen lag leckeres Rosinen- Brioche im Brotkorb. Der Kaffee weckte die Festival- müden Lebensgeister. Liv zeigte mir stolz, wie sie lediglich mit dem Schlüssel ihren neuen BMW vorwärts und rückwärts fahren lassen kann, sogar wenn sie das Auto verlassen hat. Dank Kamera und Radar lenkt das Auto selbst. Darauf wurde sie gleich von einem Rentner im Cafe angesprochen. Ich finde automatisiertes Fahren und solche Spielereien etwas unheimlich. Jedoch ist diese Funktion sehr praktisch in Parkhäusern mit engen Lücken.

Zurück alleine an Bord bekam ich einen Schreck: Das Ladegerät für die Motorbatterienbank zeigte mit einem orangen Blitz „Störung“. Dabei war ich mir sicher, dass es gestern angeschaltet war und die Batterien zu zwei Dritteln geladen hatte. Offenbar war beim Gewitter der Blitz eingeschlagen oder Regen eingedrungen. Der FI- Schalter der Landstromsäule war heraus gesprungen. Stegnachbar Tom erzählte mir, dass er den FI Schalter umgelegt hatte, doch offenbar mochte das mein Ladegerät nicht. Stegnachbar Linus reparierte mittags das Gerät, indem er den Stecker zog und neu einsteckte. Muss seine positive Ausstrahlung eines Ingenieurs ein. Bei mir funktionierte der Trick nicht.

Mir stand für den Ausflug mit meinem Arbeitskollegen (Nr. 1) Dietmar und seiner Frau Lykka (alle Namen von mir geändert) ein Abenteuer bevor: Aus dem Hafen zu segeln statt zu motoren. Um Batterien zu schonen. Die zwei bekamen eine ausführliche Sicherheitseinweisung und ich im Gegenzug als Geschenk eine Flasche Sekt und bordgeeignete Rosmarin- Brotstangen. Los ging es! Rückwärts aus der Box und in das windgeschützte Boxengassen- Ende motort. Dietmar übernahm das Steuer und ich setzte in Rekordtempo beide Segel, ließ die Fallen an Deck liegen und rannte zum Wenden zurück zur Pinne. Uff! Motor aus. Im gemütlichen Tempo segelten wir mit halben Wind und raumen Wind lautlos bis zur Hafeneinfahrt. Stegnachbarn zeigten ihren Respekt: Daumen hoch! In der Ausfahrt nahm ich den Motor dazu, um nicht die Kaimauer auf Am Wind- Kurs zu schrammen. Dietmar fand alles easy und sagte: „Uns wäre nicht aufgefallen, dass Du das nicht immer so machst.“ Ich freue mich sehr, dass die zwei sich für das Segeln interessierten und begeisterten. Dietmar lag furchtlos auf dem Vordeck, sogar als Shadow in eine leichten Bö zu krängen, d.h. Schräglage zu fahren, begann. Lykka und ich erzählten uns im Cockpit, welche Krimis wir gerade lesen. Sie „Eberhofer“, ich „Engelmord“. Flott erreichten wir Allmannsdorf und meine Crew zeigte Talent als Vorschoter bei der einzigen Wende des Tages. Alles ganz ruhig, reibungslos und ohne Hektik abgelaufen. Gegen den Wind konnte ich unmöglich mit der trägen Shadow die Gasse des Hafenbeckens hinauf kreuzen und der Motor hielt tapfer durch, bis Shadow sicher an ihrem Liegeplatz vertäut war.

Mit kleiner Verspätung erreichten wir drei waschechten Segler die Pizzeria „Yachthafen“. Von sieben Kollegen hatten erst vier zugesagt, dann zwei abgesagt. Umso besser, dass meine Kollegin Nr. 2, Marie (Name geändert), ihre drei Kinder und Ehemann als Verstärkung mitgebracht hatte. Wie erwartet gab es bei den Getränken ein Durcheinander, wenigstens die Pizzen stimmten. Der „Yachthafen“ ist berühmt berüchtigt für den grottenschlechten Service. Dietmar bestellte zur Pizza Funghi als Extrabelag Artischocken dazu. Das werde ich demnächst nachmachen- eine vegetarische Kombi ganz nach meinem Geschmack. Die hauseigene Variante der Veggie- Pizza wird nämlich mit Dosenmais und Dosenpeperoni belegt, was mir beides nicht schmeckt.

Marie und die drei Kinder kamen mit an Bord. Dietmar und Lykka radelten (auf eigenen, also brauchbaren Fahrrädern) zum Igelsbachsee und Maries Mann radelte an den Absberger Strand. Später lehnte er sein Rennrad am Steg an die Säule, es rollte auf einmal vor und versank beinahe im Hafenbecken. Mit einem beherzten Sprung von Bord rettete er es.

Der jüngste Spross meckerte: „Ich will aber nicht segeln.“ Später revidierte er sein Urteil: „Segeln ist ganz anders, als ich dachte. Ich dachte, ich muss auf einem Holzbrett mit Stecken stehen.“ „Nein, das ist surfen.“ „Und was ist dann auf den Wellen zu reiten?“ „Auch surfen.“ Die Töchter staunten, dass die Shadow von außen so klein und von innen so groß sei.

Die Jüngeren hatten erst Angst vor dem Schwimmen, weil das Wasser im Hafenbecken 10 Meter tief ist. Kaum waren die Älteste mit Schwimmbrille und Köpfer abgetaucht, sprangen die jüngeren von der Badeplattform aus hinterher.  Marie und ich gingen es etwas langsamer an: Arme und Beine abkühlen, dann rückwärts in den See sinken lassen. Der Kleinste hatte gleich bei Ankunft auf der Shadow die Backskiste aufgeklappt und geschaut, was sich darin wohl verbirgt. Zehn Minuten später beim gemeinsamen Baden konnte er problemlos den Schrubber finden und mir hinunter in das Wasser geben. Ich säuberte damit grob den Propeller des Motors. Mit einer von der Tochter ausgeliehenen Taucherbrille kontrollierte ich meinen Putzerfolg und besserte nach.

Wie fast jeden Sommer- Mittag hatte der Wind abgeflaut und zeigte sich in einer kindgerechten Stärke. Marie hatte ich Steuern und Winschen erklärt, den Kindern wurden die Rettungswesten angezogen. Die zwei Jüngeren steuerten kurz und saßen bald aufgeregt vorne mit Rücken am Deckshaus. Die Älteste verschlief den Törn unten im Vorschiff. Marie und ich redeten über Vorfahrtsregeln beim Segeln, umschifften ein Tretboot und überholten einen Kleinkreuzer. Die Zeit verflog. Nach der Wende -wieder vor Allmannsdorf wegen des heutigen Nordwindes- blieb die Shadow in einer Flaute komplett stehen. Da half nur Abwarten und Batterien schonen. Meine dritte Kindercrew des Jahres machte zur Unterhaltung den Haribo- WM- Gummibärchen den Garaus. Im Hafen durfte die Rasselbande nochmals schwimmen und stand in Badekleidung unter Deck ungeduldig parat bis ich endlich angelegt hatte. Dietmar hatte uns auf dem See gesehen, sich durch die Stegtür geschmuggelt und half mir beim Anlegen.

Marie zauberte aus der Kühltasche selbstgebackenen, erfrischenden Zitronenkuchen und kleingeschnittene Ananas hervor. Leckeres Abendessen.

Die Kollegen freuen sich jedenfalls auf den nächsten Segelausflug mit der Shadow im Jahr 2019! Und ich wundere mich nach wie vor, wie der Tag trotz Motorknappheit so reibungslos und entspannt abgelaufen ist.

 

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