Volles Haus auf der Shadow

Ramsberg, den 27. Mai: Heute wurde „Ein Schiff wird kommen und gehen und kommen“ gegeben. In den Hauptrollen überzeugten als Leichtmatrosen auf der hohen Kante die Tochter Fi, Tochter Si und Tochter Ste das Publikum. Die Nebendarsteller Vera und Bruce brillierten als Steuermänner. Wichtige Anweisungen flüsterte Souffleuse Kerstin aus dem Off. Die Ankunft des Schiffes wurde jedes Mal von den Zuschauern der oberen Ränge (Veras Eltern) frenetisch bejubelt. Ohne Sprechrolle: Der Hund Barnaby.

Was wie eine Theaterkritik klingen soll, war in Wirklichkeit ein wunderschöner Segelausflug mit meiner Freundin Vera (sämtliche Namen von mir geändert) und ihrer kompletten sechsköpfigen Familie plus Eltern.

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Morgens um halb sechs war ich über eine wie nach einer Zombie- Apokalypse leere Autobahn an den Brombachsee getuckert. Wie von der Werft vorgeschlagen, hatte ich vor dem Törn die alten Ringe an den Wanten gegen neue Splinte austauschen wollen. Doch diese putzig kleinen Splinte würden wohl für Jollen passen. Bei der Shadow fielen sie samt Kopf durch die Schraubenköpfe hindurch. Ich lief die Nachbarschiffe ab, um zu sehen, wie dort die Splinte montiert sind. So funktionierte der Tausch jedenfalls nicht wie gewünscht, ich fand stattdessen die nagelneuen Sicherungsringe aus 2017 in der Pantryschublade und setzte diese ein. Ein Wantenschuh/ Wantenspanner war total verbogen und ich nahm Linus Angebot an, mich bei ihm zu melden, wenn ich mal Hilfe mit der Shadow bräuchte. Mit meiner Elektrikerzange rührte sich das Metall keinen Millimeter. Linus brachte den Wantenspanner mit einer Rohrzange in Sekundenschnelle in Form. Nun saß der letzte Sicherungsring perfekt.

Kurz darauf traf das Auto mit meiner Freundin und ihrer Familie am Hafenplatz ein und ich wollte die Crews einteilen.

Um ein Schwächeln des Motors im Hafen und Platzangst an Bord zu vermeiden, hatte ich geplant, immer zwei Kinder und ein Elternteil auf einen Schlag über den Brombachsee mitzunehmen und Tochter Ste auf beiden Touren, weil sie kürzlich Geburtstag hatte. Damit sich die drei Töchter meiner Freundin Vera nicht streiten, wer zuerst an Bord darf, hatte ich vier Lose vorbereitet: Zwei gelbe für die Eltern und zwei rosa- farbige für die Töchter Fi und Si. In Wirklichkeit brauchte ich die Lose überhaupt nicht, denn Ste hatte Bammel vor dem Boot und wollte mit ihrer Mama von Land aus beobachten, wie es den beiden älteren Schwestern und ihrem Papa ergeht.

An dem Dreierteam probierte ich meine Sicherheitseinweisung für die Shadow erstmalig aus. Viele Fragen hatten mir die Kinder sowieso gestellt, bis Bruce vom weit entfernten Besucherparkplatz eingetrudelt war.  Den Part über den Spiritusherd und den nicht vorhandenen Strom werde ich streichen. Den restlichen Text könnte ich um ein paar Pointen aus meinem Seglerleben ergänzen, jedoch dauert die Einweisung unnötig lange.

Alsbald waren wir aus dem Hafenbecken und ich übergab Bruce das Ruder, der seine Sache dank seiner Segelerfahrung super machte. Die Kinder durften die Beine unter dem Relingnetz baumeln lassen, nachdem die Segel standen.

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Die Shadow segelte brav und zahm bei zwei Beaufort einmal über den See und bei der einzigen Wende der Tour mussten sich die Kinder flach auf das Vordeck legen, damit ich das Vorsegel schiften kann. Klappte allerdings nicht, denn Si hatte sich irgendwie auf und in der Vorschot verwickelt. Alles kein Drama bei dem heutigen lauen Lüftchen. Jüngere Kinder hätte ich vor einer Wende oder Halse in das Cockpit geholt.

Zur Unterhaltung brachte ich der Crew die Farben für Steuerbord und Backbord bei- schwierig wenn man links und rechts dauernd verwechselt – und den Achtknoten, den Fi vom Klettern kannte. Sie konnte mir zeigen, wie ich durch ein Drehen der Schot den Knoten schneller als bisher knüpfen kann. Fi zeigte ein Talent als Steuerfrau und lenkte die Shadow sehr gut zur Hafeneinfahrt.

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Zur Mittagsflaute erreichten wir meinen Liegeplatz. Dort standen gleich zwei (!) Stegnachbarn als Anlegenhilfen parat, denen ich morgens erzählt hatte, dass ich heute mit Kindern segeln werde. Danke für Eure Unterstützung! Vera sagte später, dass ich mich glücklich schätzen kann, von solch‘ sympathischen Stegnachbarn umgeben zu sein. Recht hat sie.

Die Mittagsflaute passte perfekt, um Ste die Angst vor dem Segeln zu nehmen. Vor lauter Quatschen legte ich in der Boxengasse den Rückwärtsgang ein und wunderte mich, wieso das Schiff keine Vorwärtsfahrt aufnimmt. Ups, da kam die O-nass-iss bis auf einen Meter Abstand Shadows Heck nahe.

Vera steuerte zum ersten Mal in ihrem Leben ein Segelboot. Meine Ansagen „Halte das Boot im Wind!“ oder „Jetzt etwas abfallen!“ sind für sie böhmische Dörfer. Vera verstand sofort, dass die Pinne gegengleich mit der Fahrtrichtung funktioniert und wir einigten und darauf, dass ich besser „Fahre nach links“ oder „Fahre nach rechts“ sage. Die Shadow dümpelte vor sich hin und im Schneckentempo krochen wir über den See. Ste gefiel das Segeln so ruhig und sie traute sich zu ihrer Schwester auf das Vordeck. Selbst die Heckwelle der MS Brombachsee brachte Shadow und die Familiencrew nicht aus der Ruhe.

Wieder lernten die Kinder den Achtknoten und Bb und Stb- Farben. Sie freuten sich riesig über ihre „Piraten-Prüfung-Bestanden-Urkunden“, die ich ihnen im Hafen überreichte.

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Zum Anlegen gingen die zwei Mädchen unter Deck und winkten durch die Decksluke den Großeltern zu. Diese saßen mit Hund und der ersten Familiencrew auf einer Picknick- Bank am Ufer gegenüber von Shadows Box.

Vera kommentierte meine Panik vor dem Anlegen: „Ich weiß gar nicht, was Du hast. Du hast doch alles unter Kontrolle und es läuft wie am Schnürchen.“ Na, auf dieses Kompliment hatten wir zwei Frauen uns jeder einen Anlegesekt verdient, fand ich. Wir teilten uns eine Dose Sekt zu zweit, denn das Thermometer war über 30 Grad geklettert und wir wollten ansprechbar bleiben.

Veras Eltern hatten schon Säfte, Käsekuchen, Gurken, kalte Pizza vom Vortag und viele Leckereien als Picknick aufgestellt. Ihr Vater spendierte seinen Enkeln (und uns) frische Pizza aus der Pizzeria Yachthafen. Die drei Mädels und ich holten vier Pizzen zum Mitnehmen ab. Die Aktion dauerte fast eine Stunde (2x 10 Minuten Fussweg, 10 Minuten Pizzen aussuchen und auf Kellner warten, 20 Minuten Zubereitung im Steinbackofen) und Vera wollte schon eine Vermisstenanzeigen aufgeben 😉 Das Familienpicknick war gemütlich und ein schönes Erlebnis für mich. Picknicks habe ich seit Jahrzehnten nicht mehr gemacht.

Nachmittags hieß es „Volles Haus“ auf der Shadow. Alle Familienmitglieder lungerten in der Sonne an Deck oder schwammen eine Runde im Hafenbecken. Bruce konnte sogar mit seiner Gopro- Kamera IM Wasser des Brombachsees filmen. Fi sprang erst von der Badeplattform, später vom Deck ins Wasser. Si kümmerte sich lieb um den Familienhund, der leider in der prallen Sonne auf dem Steg liegen musste, und kam auf die Idee den heißen Betonsteg mit Seewasser zu kühlen und anschließend den Hund in die Wasserlache zu dirigieren.

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Nur die Gefahr eines Sonnenbrands hielt uns davon ab, bis zum Sonnenuntergang an Deck sitzen zu bleiben und wir fuhren heim.

Der Tag war wieder ein Beweis, dass die richtigen Gäste an Bord eine Bereicherung sind!


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3 Gedanken zu “Volles Haus auf der Shadow

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