Schneesegeln

Zwei von vier Urlaubstagen verbringe ich am Brombachsee. Eine gute Quote! Thorger residiert derweilen mit den Caritasmädels im Allgäu, Jens muss arbeiten und ich reise mit guten Gewissen von daheim ab.

Ankunft auf der Shadow. Was liegt denn da für weißes Zeugs an Deck? Kein Styropor oder Möwenkacke, sondern Schnee! Brrr. Grauselige Böen fauchen über den grauen See.

Erstmal ist die Stegfendermontage angesagt. Unter verschärften Bedingungen. Um die nagelneuen Holzstege zu schonen, muss zwischen jedem Loch des Fenders und dem Steg ein Distanzholz in Bierdeckelgröße montiert werden. Na, Prost-Mahlzeit! In der rechten Hand halte ich Ratsche samt Nuss und mit der linken Hand dann Fender, Schraube, Beilagscheibe und Distanzholz? Drei weitere Hände wären hilfreich. Hat nur Shiva. Und der lebt in Indien und nicht am Brombachsee. Blöd.

Das erste Hölzchen wird über dem vorgebohrten Loch eingefädelt. Nun drücke ich mit dem Ellbogen den Fender fest und habe die Linke für Schraube plus Beilagscheibe frei. Dann das zweite, dritte, vierte und fünfte. So gelingt die Montage langsam, aber sicher. Shadow scheint amüsiert ihren Kopf über meine Handwerkerqualitäten zu schütteln (= Sie nickt im Seegang mit dem Bug). Zu meiner Aufmunterung spritzt sie mich mit Wasser nass (=Welle bricht sich am Steven).

Jetzt beginnt es zu schneien!!! Schneesegeln wäre eine Premiere, doch ich friere schon von der Fendermontage im Liegen bei 4 Beaufort. Stattdessen renne ich zum Trimaran MS Brombachsee, der um 14:15 Uhr- und nicht wie ich dachte um 14:30 Uhr- ablegt. Auf dem Fahrgastschiff mache ich es mir mit einer heißen Schokolade und einer Busladung reiselustiger Rentner aus Sachsen auf dem Oberdeck gemütlich.

Hinter mir sitzen drei arbeitsscheue Hexen, die ununterbrochen über alles und jeden meckern. Der Segelhafen kommt in Sichtweise.  „Also Segeln. Das wäre nichts für mich. Immer diese Arbeit in das Wasser zu kriegen und hinzufahren.“ (Hä? Werfttransportservice! Kran!)

Nun passieren wir den neuen Wohnmobilstellplatz. „Selbst ein Wohnmobil möchte ich nicht einmal geschenkt. Diese anstrengende Arbeit, jeden Frühling zu putzen.“ (Hochdruckreiniger? Winterlagerservice?)

Ferienhäuser in Ramsberg vermieten….„Hast Du gehört? Die so-und-sos haben ein Haus am Meer in Griechenland gekauft. So ein Ärger mit dem Haus, soviel Arbeit und jede Ferien müssen sie hinfahren.“ (Könnte mir Schlimmeres vorstellen als Urlaub am Mittelmeer.)

So ein Geschwafel brauche ich mir zumindest in der Freizeit nicht anhören und verhole mich drei Tische weiter.

Die Sonne kämpft sich durch die Schneewolken und der Strand von Enderndorf leuchtet gleißend orange auf. Unzählige Schwalben jagen dicht über der Wasseroberfläche die letzten Mücken. Alle anderen Mücken kleben bei mir erfroren an Deck- Shadow im unfreiwilligen Dalmatiner Look. Einige Kormorane sitzen am verlassenen Uferstreifen. Tut mir das gut, einfach Zeit zu verschwenden und die Beine auszustrecken. Und dabei die Natur zu betrachten.

Zurück an Bord der SY Shadow verkrümele ich mich mit dem kurzweiligen Familienroman „Nur einen Herzschlag entfernt“ von Lucy Diamond und einer Packung Kokoskekse in den Salon. Ich will es kuschelig haben und der Heizlüfter wird angeworfen. So richtig warm wird die Luft nicht und ich lege den Schalter von ECO auf FULLSPEED um. Puff, gehen im Hafen die Lichter aus. Ach, nö! Mein erster Gedanke: Scheißqualität, der Heizlüfter, nach einer Stunde Laufzeit kaputt. Als Test probiere ich, ob die Tischlampe funktioniert. Aha! Kein Licht. Es liegt wohl an meiner Steckdose. Die Säule hat acht leere Stecker. Bei Nr. 1 ist die Sicherung raus, ich entscheide mich für Nr. 2. Nach wenigen Minuten: Wieder Heizung und Licht aus. Nr. 3 kommt zum Einsatz. Selbst ich Physikniete lerne dazu: Der Schalter FULLSPEED wird ausgeschaltet und ECO eingeschaltet. Läuft.

Den Graugänsen ist das alles wurscht. Ein Paar paddelt samt seinen fünf aufgeplusterten, flauschigen Küken um die Shadow herum. Sie scheinen begeistert zu beobachten, wann ich wieder aus dem dunklen Niedergang auftauche und fluchend bibbernd zur Stromsäule haste. Unterhaltungsprogramm.

Bald liegt Stille über dem Hafen. Bei Sonnenuntergang haue ich mich in die Koje. Zwar kann ich meinen Atem in der, ohne Heizlüfterbetrieb, eisigen Luft vor dem Gesicht sehen, doch dank vier Lagen Pullover und Outdoor- Schlafsack schlafe ich tief und fest bis zum Sonnenaufgang.

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