70%- Tag

Jens und ich haben unterschiedliche Definitionen von „Ausschlafen“. Jens hätte 8 Uhr angepeilt, ich bin mit 7 Uhr zufrieden. Thorger schläft ein salomonisches Urteil und weckt uns um halb acht. Somit bin ich um halb elf am See.

An den jungen Eichen am Hafen hängen gigantische, grüne Eicheln auf pflückfreundlicher Augenhöhe. Vier Hände voll landen für die Bastelprojekte der Grundschule in einer Einkaufstüte. Fühle mich in die Kindheit zurück versetzt.

Der Inhalt aller Kojen fliegt auf Salontisch und Salonbänke, um Platz für Segel und Großbaum zu schaffen. Pfui, im Vorschiff steht fauliges Regenwasser in der vorderen Hälfte der Bilge und der leere Benzinkanister schwimmt darin herum. Hatte ich die ganze Saison übersehen. Das muss als Erstes weg, bevor ich mit den Segeln weitermachen kann.

Die letzte Flasche Rotwein wird zur Erholung der Geschmacksnerven geköpft. Auf dem Vorschiff sitzend kaue ich Baguette dazu und beobachte die Wolken. Der Himmel spielt Irland und zieht sich immer grauer und grauer zu. Mhhh. Lieber die Segel ins Trockene gebracht als eine letzte Runde auf dem See gedreht. Es gilt für den heutigen Tag die Seglerweisheit: 70% der Zeit bist Du am Schrauben, 30% am Segeln.

Kaum habe ich das Großsegel- „Grand-Voile“ steht melodiös auf dem Segelsack- auf dem Steg ausgebreitet und blockiere den Weg, da lerne ich die Stegnachbarn von gegenüber endlich kennen. Sie kommen auch zum Segelabschlagen und haben ein winziges Baby dabei. Die kleine Maus kam acht Wochen zur früh zur Welt und verbrachte zehn Wochen im Krankenhaus. Segeln fiel für die frischgebackene Familie dieses Jahr komplett aus. Das Leben steckt eben voller Überraschungen.

Das Vorsegel lässt sich beim Einholen etwas bitten und ruckelt Stückchen für Stückchen aus der Schiene auf das Deck. Äolus, der Schelm, versucht es durch den Bugkorb, die einzige Stelle ohne Relingnetz (!), in Neptuns nasses Reich zu pusten. Ich bin schneller – trotz Wein-, raffe den Segelberg zusammen und drapiere ihn auf dem Steg. Kaum liegt er dort, wollen diesmal die netten Rentner von der Dehler vorbei, die mich wegen der Sturmschäden angerufen hatten, und verabschieden sich mit warmen Worten bis zur nächsten Saison.

Die ersten Regentropfen fallen auf das gefaltete Vorsegel. Mit ausgebreiteten Armen stecke ich mit dem Trumm im Niedergang fest. Doch ich befreie mich wieder und kann entspannen. Geschafft ! Alle schäfchenweißen Segel und die Capitana im Trocknen ! Auf den letzten Zentimetern Salonbank, der Rest liegt voller Kram, ruhe ich aus und beobachte wie der Regen auf die Wasseroberfläche prasselt. Wie das wohl unter Wasser klingt ?

Das nächste Plätschern ist die grüne Fäkalientankmasse, die sich in die Entsorgungsstation ergießt. Dank Restalkohol kichere ich vor mich hin und denke: Alienkacke !

Nüchtern nach einer gemütlichen Schnitzelpause im Autohof Röttenbach und zufrieden mit meinem Werk trete ich die Heim reise an.

 

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