Samira, Samira. This is Lyngby radio. Can you read me ? Over.

Selbst den aufmerksamsten Bloglesern ist es nicht aufgefallen, dass das Kapitel über meine Reise von Lohals nach Lundeborg fehlt.

Dieses Erlebnis wollte ich erst nach sicherer Heimreise veröffentlichen.

Meine Retter in chronologischer Reihenfolge:

-Funker der Küstenfunkstation „Lyngby Radio“

-Per, ein Segler aus Korsör

-Dorthe, Hafenmeisterin von Lundeborg, und ein namenloser Fischer

-Bo, Berufsschullehrer für Feinschmiedekunst

Lohals ist eine der saubersten Marinas meiner Reise. So ist nach dem Aufstehen ein Runde Wäsche waschen angesagt. Bis 11 Uhr rödeln Waschmaschine und Trockner vor sich hin. Ich sehe den anderen Seglern beim Auslaufen in die aufgewühlte See zu und frage mich, ob ich überhaupt bei diesem Seegang ablegen soll.

Mittags passiere ich das Riff unter Maschine und setze die gerefften Segel. Die Vorleinen lasse ich wie immer zu Buchten geschlungen auf dem Deck liegen.

Krass, die Böen sind heute eine andere Hausnummer als gestern. Hart am Wind kämpfen Samira und ich uns Richtung Süden vor. Samiras Bug taucht mehrmals in die Wellen ein. Nach drei Stunden Segelei habe ich genug und will den Motor starten. Im Leerlauf springt er an. Sobald ich Vorwärts- oder Rückwärtsgang einlege stirbt er ab.

An diesem Bermuda-Dreieck Dänemarks war ich vor ein paar Tagen mit der Großfall- Wuling in einer ähnlichen Situation. So bleibe ich erstaunlich ruhig. Das Adrenalin rauscht durch meine Adern. Ich drehe die Samira auf Raumen Wind, kehre also nach Norden um. Lösung Nummer 3 wird umgesetzt: Unter Segeln am Steg der Traditionssegler anlegen. Okay. Kurs zum Hafen Lundeborg liegt an und das Schiff läuft ruhiger.

Jetzt erkenne ich mein Malheur: Die Vorleinen wurden von Deck gespült. Und eine der beiden Vorleinen hat sich um den Propeller der Samira gelegt. Ich habe meine eigene Leine in den Propeller fest gefahren. Na super ! Ab morgen werde ich die Vorleinen im Ankerkasten aufbewahren. Tipp der Hafenmeisterin Dorthe. Aus Fehlern wird man klug.

Ich schalte das Handfunkgerät der Samira an und rufe auf Kanal 16 Unterstützung. Im Fachjargon ruft man „Pan-pan“. Die Küstenfunkstelle Lyngby Radio meldet sich sofort. Leider hat das Gerät einen alten Akku, der fast leer ist. Und mein eigenes Gerät bringe ich nur zum Senden, nicht zum Empfangen. Die Lautstärkeregelung bediene ich in dieser Krisensituation falsch. So kann ich zwei Silben sagen und muss danach das Gerät neu starten und anschalten. Mühevoll buchstabiere ich Samiras Namen und gebe „engine problem“, „towing assistance“ und meinen Längen- und Breitengrad durch.

Jetzt höre ich „Sailing Yacht Isabella“ auf dänisch mit der Küstenfunkstelle reden. Da unzählige weiße Segelyachten unterwegs sind, dauert es eine Weile bis die Samira anhand der Ziffern auf dem Großsegel von der Isabella erspäht wird.

Ihr Skipper Per übernimmt eine Vorleine. Zuwerfen klappt gleich beim zweiten Versuch, als die Leine nass ist. Verlängerung funktioniert mit zwei Palsteks. Der freundliche Däne aus Korsör sagt, er finde es spannend, einmal bei einem Seenotfall mitzuwirken. Ich könnte darauf verzichten!

Zwei Seemeilen werde ich geschleppt. Per ruft über Funk den Hafen Lundeborg. Darauf wäre ich nicht gekommen.

Die Hafenmeisterin Dorthe kommt uns mit einem Fischerboot entgegen. Sie übernimmt meine Vorleine und der Fischer zieht mich im Schneckentempo vor das Gebäude der Hafenmeisterei. Meine Ankunft wird von anderen Seglern mit ihren Smartphones geknipst. Die Segler hatten mein Missgeschick auf Kanal 16 mitgehört. Die Fotos bekomme ich später per E- Mail als Erinnerung.

Neben einer langen Jacht wird die Samira von mir und dem Familienvater längsseits vertäut. Diese Familie sitzt aus einem ganz anderen Grund fest: Die eine Tochter hat sich beim Radeln auf dem Hafengelände das Schlüsselbein gebrochen.

Die Hafenmeisterin rät mir, eine heiße Dusche zu nehmen und eine Suppe zu essen. Gegen den Schock. Die Dose Suppe Marke „Zähes Suppenhuhn“ schmeckt unter diesen Umständen himmlisch.

„Geht auf’s Haus“, ist die Antwort auf meine Frage, wieviel ich dem Fischer schulde.

Für den nächsten Morgen acht Uhr hat Dorthe den Hobbytaucher Bo bestellt. Er sieht so aus, wie man sich einen Schmied vorstellt: Grauer Vollbart und eine kräftige Statur. Mit Schnorchel, Tauchermesser und Neoprenanzug bewaffnet, taucht er ab zum Propeller. Die Vorleine habe ich allerdings so stramm eingefahren, dass die Reparatur länger dauert. Seine Flasche Druckluft kommt zum Einsatz. Bo bleibt rund 45 Minuten unter Wasser. Mit einer kleinen Eisensäge schneidet er die Leine in Scheibchen ab. Ich assistiere von Deck aus, unter anderem soll die Vorleine über die Winsch gekurbelt werden, um sie zu lockern. Funktioniert nicht. Die Idee war super. Bo ist der Meinung, dass genug Leine beseitigt sei. Die Welle sei unbeschädigt. Der Motor läuft wieder in Vorwärts- und Rückwärtsgang ohne Murren.

Im Nachhinein stellte ich heraus, dass noch zirka 15 cm Vorleine unter der Schraube feststeckten. Der Taucher vom Charterstützpunkt baute die Schraube ab, löste die Leinenrest mit einer Zange ab und fertig war die Reparatur.

Diesen Fehler mache ich kein zweites Mal. Eine Alternativlösung schlug mir der Flensburger Stegnachbar vor. Er hatte sich auch die Vorleine in den Propeller eingfahren. Seitdem fährt er auf seinem 9- Meter- Schiff zwei 6- Meter lange Vorleinen. So reichen sie gar nicht bis zum Propeller, falls sie in das Meer fallen.

Lehrgeld zahlte ich. In Form der Kosten für die beiden Taucher. Und in Marstal ersetzte ich die zerissene Vorleine durch eine neue aus dem Laden „Isenkram“.

Out.

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